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Bilder in der Archäologie – eine Archäologie der Bilder?

Die Archäologien sind gerade in ihrer Interpretation früher Kulturen, die zumeist schriftlos daherkommen, besonders auf die Bearbeitung der materiellen Kultur, sowie die Auswertung ikonographischer bzw. bildlicher Darstellungen angewiesen – sie ist, um auf die Analogie von L. Schneider einzugehen, eben längst keine „Dingwissenschaft“ mehr (S. 33). Dabei hat in den letzten Jahren, auch in Anlehnung an die Debatten der Kunstwissenschaft, der in den 90er Jahren des 20. Jh. von den beiden Kulturwissenschaftlern W. Mitchell und G. Boehm ausgerufene so genannte iconic- oder pictorial turn auch in den Archäologien Eingang gefunden, wenngleich es hierzulande eine nur sehr kleine Gruppe von Wissenschaftlern gibt, die sich dieser eher methodischen und theoretischen Beschäftigung verschrieben hat.

Der vorliegende Band, erschienen in der von U. Veit und M. Eggert herausgegebenen Reihe „Tübinger Archäologische Taschenbücher“, stellt den Ertrag eines Kolloquiums dar, das im April 2008 in Hamburg stattfand. Vorgestellt und diskutiert wurden darin die bestehenden kunstwissenschaftlichen Herangehensweisen, Methoden und Interpretationsmöglichkeiten von vor- und frühgeschichtlichen Bildwerken, sowie die rezenten von den Archäologen selbst produzierten Bilder. Dabei kamen sowohl ausgewiesene Kunstwissenschaftler wie M. Schulz, Prähistoriker wie M. Eggert, Sinologen wie T. Höllmann als auch klassische Archäologen wie A. Haug zu Wort. Als Ziel galt den Veranstaltern, „eine bildanthropologische Fragestellung, die das kulturell variable Verhältnis von Bild, Körper und Medium zu untersuchen“ (S. 18). Dabei wird mit den folgenden drei Parametern gearbeitet: Bildreferenz, Bildpraxis und Bildinszenierung (S. 19).

Im ersten Beitrag des klassischen Archäologen L. Schneider aus Hamburg wird ein kurzer Diskurs zur Forschungsgeschichte der bildwissenschaftlich orientierten klassischen Archäologie in Deutschland gegeben. Der Autor erläutert in bisweilen humoristisch-sarkastischen Ansätzen auch die Schwierigkeiten dieser neuen Tradition, der sogenannten „Hamburger Schule“, am Anfang der 70-80er Jahre in der Bundesrepublik gegenüber den traditionellen Forschungsschwerpunkten (S. 33-47).
Die Perspektiven, aber auch die damit verbundenen möglichen Probleme werden in besonders guter Form von dem Prähistoriker M. Eggert diskutiert, einem der führenden deutschen Archäologen, der sich bereits seit Jahren der vorwiegend theorieorientierten Archäologie widmet. Als ein besonders repräsentatives Fallbeispiel dient ihm dabei der türkische Fundplatz (von) Göbekli Tepe, einem weit über die Fachwelt hinaus bekannten frühen Heiligtum des 10./9. Jt. v.u.Z. Seine Antwort, in wieweit die auf den T-Pfeilern befindlichen Zeichen – Codes – mittels kulturwissenschaftlichen und semiotischen Möglichkeiten bzw. Methoden zu entziffern seien, fällt allerdings sehr pessimistisch und zurückhaltend aus. Gerade aufgrund der fehlenden Kontexte und schriftlichen Hinterlassenschaften ist er der Meinung, dass wir wohl niemals in der Lage sein werden den Code auch nur annähernd zu entschlüsseln (S. 70). Es ist sicher sehr richtig und wichtig auf die Probleme dieser Methoden und Herangehensweisen hinzuweisen, mit denen wir es bei aliteraten Gesellschaften zu tun haben. Doch hat gerade die Zusammenarbeit mit dem Bonner Ägyptologen L. Morenz gezeigt, dass es durchaus lohnenswerte Wege und Mittel gibt, die eine Annäherung zur Entschlüsselung der Zeichenwelt des Göbekli Tepe ermöglichen (cf. Morenz/Schmidt).

Der Beitrag von M. Schulz folgt den Spuren des Kulturwissenschaftlers Aby Warburg und beschäftigt sich mit der Ikonologie der Bilder (S. 75-93), während S. Samida nicht nur auf die Problematik urgeschichtlich überlieferter Bilder eingeht, also die historischen Quellen selbst in den Blick nimmt, sondern zugleich völlig zu Recht auch auf die Bilder hinweist, die wir Archäologen selbst produzieren/entwerfen. Dabei bemängelt sie vor allem, dass der iconic turn in den Archäologien bislang kaum wahrgenommen worden sei (S. 96). Sie bespricht sodann vertiefend, dass eben nicht nur rein die Aspekte der Bildkunst in der Archäologie in Verbindung gebracht werden sollten, wie Felsbilder etc., sondern eben gerade auch Aspekte der materiellen Kultur, so Masken, Statuen etc. genauso als Bilder rezipiert werden können (S. 97). Dabei legt sie zudem besonderes Gewicht auf die Entwicklung der Klassischen Archäologie, die ihr mit Ansatz der kunstarchäologischen Ausrichtung, wie er für das Fach letztlich seit Winckelmann vorherrscht, besteht (S. 99).
Sie beschließt ihren Beitrag mit der Problematik des einheitlichen Bildbegriffes, der bislang noch nicht vorliege – z.B. M. Schulz und H. Belting haben einen sehr viel weiteren Bildbegriff in ihrer „Bildanthropologie“ mit seiner starken Körperbezogenheit, als andere Vertreter wie beispielsweise K. Sachs-Hombach (2005) fordern (S. 100f.). Sicher völlig zu Recht weist sie auf die Bedeutung der Archäologen als „Bildproduzenten“ hin und eine damit zusammenhängende ausstehende Beschäftigung mit der Problematik, wie archäologische Bilder entstehen, sowie welche Rolle die Ästhetik und der Einsatz von Visualisierungstechniken die Glaubhaftigkeit etc. beeinflussen (S. 103-104). Sie greift hierbei auf den wichtigen Ansatz von Burri zurück, der bereits 2001 bemerkte, dass es sich bei diesen Bildwerken um „soziotechnische Konstrukte“ und eben nicht um die Darstellung der einzigen Wahrheit handele. „Bilder sind nicht nur ‚historisches Dokument‘, sondern auch ‚wissenschaftliches Produkt‘ (S. 105). Sie fordert abschließend in ihrem Beitrag, dass die Archäologien eine „visual Archaeology“ formieren könnten, die somit „das breite Spektrum der Erkenntnismittel im Umgang mit visuellen Objekten sowie schließlich die neuen Möglichkeiten der Produktion und Präsentation der Forschungsergebnisse erweitern würde.“ (S. 105-106).

Diesen eher theoretisch gefassten Artikeln folgen diverse Fallbeispiele aus unterschiedlichen Epochen der Archäologien: So widmet sich R. Heckendorf der Problematik von Petroglyphen und Felsbildern aus Südmarokko, anhand derer sie Spuren menschlicher Bewegungsmuster herausarbeiten konnte (S. 111-126). Ihr geht es dabei vorwiegend um die räumliche Verbreitung bestimmter Markierungen, was gerade auf dem Gebiet der Landschaftsarchäologie und des Verständnisses von Landschaft eine entscheidende Rolle spielen kann.

C. Huth hingegen schreibt zu eisenzeitlichen Bildwerken (S. 126-153). Er untersucht damit eine Epoche, in der im europäischen Raum erstmals der Darstellung des Menschen anscheinend eine größere Bedeutung zukommt. Bei seinen Interpretationen stützt er sich vorwiegend auch auf die bildlichen Erzählungen, wie man sie im Südalpenraum vorfindet und schließlich in verkürzter Form auch nördlich der Alpen in Einsatz kommen. Problematisch ist dabei, wie in den meisten Fällen der europäischen Ur- und Frühgeschichte, das weitgehende Fehlen literarischer Quellen. Das Erschließen dieser vorgeschichtlichen Quellen, so Huth, sei nur mit kognitionswissenschaftlichen Ansätzen möglich (S. 150). Gerade in der von ihm bearbeiteten Zeitstufe, nämlich der Eisenzeit, meint er eine starke Bindung des Bildlichen an das Grab nachweisen zu können und somit auch einen Zusammenhang dieser Quellengattung mit der Religion („alle urgeschichtlichen Bildwerke haben religiöse Bedeutung“). Das Interessante an seinem Ansatz ist die schrittweise Herausarbeitung, dass anscheinend sukzessive die Bilder in den Gräbern durch materielle Güter ersetzt werden, die Huth wiederum als „vergegenständlichte Bilder“ ansieht (S. 150). Erst in jüngerer Zeit, so Huth, habe sich das Bild schließlich emanzipieren können und erschiene nun auch in nichtreligiösen Zusammenhängen (S. 151).

Der Frage nach historischer Relevanz und Aussagekraft der antiken Bildquellen widmet sich A. Haug in ihrem Beitrag zur attischen Bilderwelt des 8.-7. Jh. v. Chr. Dabei konzentriert sie sich vorwiegend auf die Darstellung von Kampfhandlungen und der Prothesis auf so genannten Semata, Prunkgefäße als Zeichenträger. Interessant ist hierbei, dass nicht nur ein Nexus zwischen Dargestelltem und Gefäßform, sowie letztlich dem Kontext herausgearbeitet werden kann (z.B. Kratere mit Kampfdarstellungen kommen vorwiegend in Männergräbern vor, während bauchige Amphoren mit Prothesis-Darstellungen eher in Frauengräbern gefunden wurden) (S. 157). Interessant ist zudem die Frage nach dem Aufkommen der Phalanxtechnik um 730 v. Chr. und der damit verbundenen Änderungen der Darstellungsweisen auf den Bildträgern (S. 167). Völlig zu Recht verweist sie auf die Problematik, dass Bilder eben nicht statisch sind (S. 169): Vielmehr können sowohl ältere, traditionelle Sujets thematisiert, als auch moderne Konzepte wiedergegeben werden, so dass allein anhand der Bilder in der Antike kaum vorbehaltslos auf jeweilig zeitnahe Trends referiert werden kann. Vielmehr ist es von besonderer Wichtigkeit, immer auch bildexterne Quellen nach dem Aussagegehalt der bildlichen Quellen zu befragen. Letzteres ist freilich zumeist allein aufgrund der schlechten Beleglage ein großes und oft nicht zu überbrückendes Problem.

In weiteren Beiträgen wird im Besonderen die Wichtigkeit der Einbeziehungen der Kontexte, sprich also die Bildpraxis und den Bildgebrauch, betont. J.M. Bagley und C. Kost beschäftigen sich mit den Bedeutungsfelders figürlicher Kunst in frühen Kulturen (S. 173-195). Dabei werden in zwei kurzen Fallbeispielen, dem nordchinesischen Steppenraum im 5. Jh. v.u.Z., sowie die Latène-Zeit (5.-3. Jh. v.u.Z.) in den Blick genommen. Als wichtige Ergebnisse der Fallbeispiele kann angeführt werden, dass zunächst für die entsprechende Zeit auf verzierten Gürtelplatten im chinesischen Steppengebiet sechs Motivgruppen herausgearbeitet werden konnten, die regional unterschiedlich gewichtet sind: einzelne Tiere, Fraßszenen, szenische Darstellungen, Tiergruppen, Tierkämpfe und Überfälle (S. 182-183). Das Hinzunehmen weiterer Aspekte wie Landschaftsraum, Paläoklima etc. bieten im nächsten Schritt Möglichkeiten, auf die Bedeutung und größeren Zusammenhänge der einzelnen Motive zu schließen. In einem zweiten Fallbeispiel wurden die figürlichen Belege aus der mitteleuropäischen Latène-Kultur zusammengestellt.

C. Juwig widmet sich in seinem Beitrag zur Gewandreliquie der heiligen Bathilde (S. 197-222) aus dem 7. Jh. dem Konzipieren eines Heiligenkultes, wobei es ihm besonders um die Verwendung spezifischer Bildtopoi geht.
Die Bedeutung von Bildern in den byzantinischen Liturgien gerade im Feld der religiösen Kommunikation und Bildpraxis wird im Essay von R. Warland etwas näher beleuchtet (S. 223-234).

Den letzten Abschnitt des Buches bildet schließlich die Behandlung der Problematik der Bildinszenierung, wobei zum einen B.E. Borg diese Thematik anhand der Sarkophagplastik in der römischen Spätantike entwickelt (S. 235-248) und zum anderen M. Rimmele sich der Thematik „Geronnene Riten – am Beispiel der Staurothek von Stavelot (ca. 1157)“ (S. 249-272) widmet.

Der Band erreicht mit seinen sehr fundierten Beiträgen sicher sein Ziel, nämlich auf die Notwendigkeit einer engeren Beschäftigung hinzuweisen, und zwar auch auf theoretischer Ebene, wenn es um die Arbeit mit den bildlichen Hinterlassenschaften aliterater bzw. auch alter Kulturen geht. Etwas befremdlich erscheint allerdings die so häufige Klage der einzelnen Autoren, das Bewusstsein für diese Problematik sei bislang in den einzelnen Archäologien noch nicht verbreitet. Denn interessanterweise hat gerade in der Ägyptologie bereits in den 90er Jahren des 20. Jh. genau dieser Ansatz begonnen. Zu denken wäre hier an R. Tefnin, W. Davis, Vorname Verbovsek, L. Morenz – um nur einige wichtige Vertreter zu nennen. Des Weiteren darf hier darauf aufmerksam gemacht werden, dass auch in der Ägyptologie ein speziell zu dieser Thematik gegründetes Fachorgan, die Imago Aegypti 2006 ins Leben gerufen wurde, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die im vorliegenden Band bemängelte fehlende bildanthropologische Theorie in den Blick zu nehmen. Umso eigenartiger erscheint es dem Rezensenten auch, dass gerade die Ägyptologie (, wie auch etliche weitere außereuropäische Archäologien) auf der entsprechenden Tagung und im Tagungsband gänzlich unbeachtet blieb und zweifelsohne zu weiteren stimulierenden Gedanken und Lösungsansätzen hätte beitragen können. Selbiges gilt für Vertreter der Altamerikanistik und Altorientalistik, die ebenso wie die Ägyptologie gerade in den frühen Epoche, wie kaum eine der anderen antiken Kulturen den Übergang zur Bild-Laut-Schrift bieten können.

Nichtsdestotrotz zeigt dieser Band sehr klar, wie wichtig und vielfältig die Möglichkeiten der kultur- und kunstwissenschaftlichen Methoden sind und den archäologischen Fächern bei der Entschlüsselung und Interpretation einiger ihrer Hauptquellen dienlich sein können. Der interessierte Leser findet hier einen guten Einstieg in dieses komplexe, vieldiskutierte Themenfeld und wird sogleich mit dem derzeitigen Forschungsstand, sowie den unterschiedlichen Methoden bekannt gemacht, was nicht genug begrüßt werden kann. Wie bereits der Ethnologe N.-A. Bringeus formulierte „… Das Bild hat Bestand, aber der Kontext verändert sich unablässig – und damit auch die Bildbotschaft“ (Bringeus 1984, 5-7) – so ist und bleibt es eben gerade ein wichtiges Anliegen der Archäologien, diesen Aspekten nachzugehen.

21.08.2012
Robert Kuhn
Bilder in der Archäologie – eine Archäologie der Bilder? Hrsg.: Juwig, Carsten. 276 S. 21 x 15 cm. Pb. Waxmann Verlag, Münster 2010. EUR 24,90
ISBN 978-3-8309-2321-3
 
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