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Auf der Suche nach dem sagenhaften Großreich der Hethiter

Zumeist sind es die ägyptischen Pharaonen, spektakuläre Goldfunde sowie Mumien, die das Bild der Archäologie in den Medien und im Allgemeinwissen prägen. Durch herausragende Entdeckungen wie die der Himmelsscheibe rückt nun sicherlich auch immer mehr die eigene, europäische Vor- und Frühgeschichte in den Fokus. Die des Vorderen Orients fristet hingegen leider viel zu oft ein Schattendasein. Sicherlich liegt letzteres auch daran, dass es vor allem in Deutschland kaum Publikationen gibt, die sich jenseits der reinen „Gelehrtenliteratur“ der Universitäten mit diesem Thema beschäftigen und so auch dem allgemein historisch interessierten Publikum ein Kompendium zu diesem Forschungsgebiet offerieren.
Diese Lücke schließt nun ein sehr schön ausgestattetes Büchlein aus der Feder des Vorderasiatischen Archäologen Andreas Schachner, der bereits seit 2006 für das Deutsche Archäologische Institut die Ausgrabungen in Bogazköy-Hattuscha leitet.
Bereits 1839 durch den französischen Forscher C. Texier entdeckt, ist die alte Hauptstadt der Hethiter bis heute wohl doch weitgehend wenig bekannt. Dabei spielt vor allem dieser Ort – verbunden auch mit vielen schriftgeschichtlich wichtigen Funden – die Entzifferung des Hethitischen geht auf den tschechischen Philologen F. Hrozny zurück und gelang bereits 1915 – eine entscheidende Rolle für die Erforschung der Kupfer- und Eisenzeit des Vorderen Orients sowie ihrer Nachbarkulturen, nicht zuletzt auch Ägypten. Erst in den letzten Jahren hat sich dies durch Sonderausstellungen und Publikationen allmählich gewandelt. In seinem Buch berichtet der Ausgräber fachmännisch, stets in wissenschaftlicher Form von den einzelnen Aspekten dieser Stadt und nimmt zugleich die Gesellschaft dieser längst untergegangenen Kultur in den Blick.
Zunächst präsentiert uns der Autor die naturräumlichen Bedingungen und die damit verbundenen Probleme, die sich teils auch archäologisch im Stadtbild dieser frühen Metropole wiederfinden lassen (S. 33-40). Es folgt ein historischer Parcours durch die Entwicklungsgeschichte der Stadt und der einzelnen Gebäudekomplexe von der frühesten Besiedlung bis hin zu ihrem Niedergang. Dies ist auch insofern spannend, als bislang noch stark debattiert wird, was eigentlich zum Untergang dieser Metropole führen konnte. Die unterschiedlichen Thesen von innenpolitischen Problemen bis hin zu klimatischen Veränderungen werden dabei angesprochen und gegeneinander abgewogen. Etwas kurz erscheint die Diskussion der Bezeichnung Stadt, die im Gegensatz zu anderen Altertumswissenschaften in der vorderasiatischen Archäologie generell etwas unproblematischer verwendet wird, im folgenden Abschnitt aber durchaus klar begründet werden kann.
Im zweiten Teil der Publikation widmet sich Schachner einzelnen Aspekten der Stadt. Er beschreibt sie als Residenz und Herrschaftssitz (Stadt der Herrschaft, S. 132-172), als wichtiges religiöses Zentrum für das gesamte Umland (Land und Stadt der 1000 Götter, S. 172-202), sowie als Stadt der Kunst (S. 203-226). Dabei begnügt er sich erfreulicherweise aber nicht mit der Darstellung von Strukturen und Bauten (z.B. Palästen, Straßensystem etc.), die mit der so genannten Hohen Kultur in Verbindung gebracht werden können, sondern widmet sich gleichsam Aspekten etwa der kommunalen Versorgungseinrichtungen wie Staudämme, Getreidespeicher etc. Ein eigener Abschnitt ist dem alltäglichen Leben gewidmet, der verständlicherweise im archäologischen Befund weit weniger detaillierte Informationen zu liefern vermag. Neben der entsprechenden Architektur geht Schachner minutiös auf die unterschiedlichen Hinweise ein, die über die handwerklichen Produktionen wie Keramik, Bau- und Metallhandwerk etc. in der einstigen Hethiterhauptstadt vorliegen. Stets am archäologischen Befund mit den jeweiligen Beispielen orientiert, konsultiert A. Schachner aber auch weitere Quellen wie inschriftliche Hinterlassenschaften, die den Blick auf diese frühe Gesellschaft zu erweitern ermöglichen.
Der siebte Abschnitt beschäftigt sich schließlich mit den überregionalen Kontakten während der Spätbronzezeit (2. Jt. v. Chr.), in der die hethitische Herrschaft ihre Hochphase erlebte und die Mittelmeerwelt entscheidend mitgeprägt hat (S. 297-309). Die letzten beiden Kapitel schließlich beschäftigen sich mit dem Nachwirken und dem langsamen Niedergang der Stadt seit der Eisenzeit und ihre Bedeutung bis hinein in die frühe Neuzeit.
Das Nachwort stellt gleichsam eine kurze Zusammenfassung dar und geht nochmals kurz auf den Wandel der Bedeutung dieser wichtigen Handels- und Herrschaftsmetropole in ihrer Geschichte und Erforschung ein.
Der Band schließt mit einem Anhang, bestehend aus Abbildungsnachweis, Literaturverzeichnis sowie einem Orts-, Namen- und Sachregister und ermöglicht so eine weitere Vertiefung sowie ein unkompliziertes Nachschlagen der entsprechenden Verweise.
Während es in anderen Ländern Europas längst zum guten Ton der Wissenschaftler gehört, ihre Theorien und Forschungen neben dem Fach- auch einem interessierten Laienpublikum in entsprechender Weise zugänglich zu machen, fehlte diese Form von wissenschaftlicher Publikation im deutschsprachigen Raum für lange Zeit und beginnt sich nun seit wenigen Jahren erfreulicherweise ebenso zu etablieren. In eben diese Tradition lässt sich auch das vorliegende Buch einreihen. Auf ältere, vorwiegend aber auf neueste Grabungsergebnisse fußend lässt der Autor vor unseren Augen die Hochkultur der Hethiter anhand ihrer Hauptstadt wiederauferstehen. Es ist hervorzuheben, dass er dabei stets nah am tatsächlichen archäologischen Befund bleibt, was freilich dazu führt, dass viele Informationen fehlen bzw. zunächst thesenartig aufgefasst werden müssen. Zugleich ist dies aber auch ein schönes Beispiel dafür, wie die Archäologie arbeitet und wie Archäologie funktioniert. So kann es nur als wichtig und erfrischend anerkannt werden, dass sich Schachner nie in wilde Spekulationen begibt und weitgehend dem traditionellen archäologischen Ton verpflichtet ist. Überzeugend ist auch die Gesamtgestaltung des Buches: durchgängig ist der Text von aussagekräftigen guten Bildern, sowohl Plänen als auch vielen Farbfotografien begleitet, die das Geschriebene deutlich unterstützen und belegen. Teilweise würde man sich sicher mehr einen engeren Bezug zwischen Text und Karten, sowie Stadtplänen wünschen, etwa wenn auf die jeweiligen Gebäudekomplexe und Stadtteile verwiesen wird. Doch werden die entsprechenden Karten und Pläne mitgeliefert, so dass ein Nachschauen stets möglich ist. Herausgekommen ist also ein Band, der sowohl den Fachwissenschaftler als auch den Laien anspruchsvoll in Wort und Bild in die Welt der Hethiter und ihrer untergangenen Hauptstadt zu entführen vermag.

14.01.2013
Robert Kuhn
Schachner, Andreas. Hattuscha. Auf der Suche nach dem sagenhaften Großreich der Hethiter. 2011. 364 S. mit 158 Abb., Plänen und Karten im Text. 22 x 14 cm. Gb. C. H. Beck Verlag, München 2011. EUR 34,00. CHF 48,90
ISBN 978-3-406-60504-8   [C. H. Beck]
 
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