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Prehistory of Northeastern Africa. New Ideas and Discoveries

Die Konferenzen, die am Archäologischen Museum in Posen stattfinden, haben sich gerade für die Studien und Beschäftigung mit dem vor- und frühzeitlichen Ägypten und seinen Nachbarländern in den letzten Jahren als wichtige Ereignisse (die Konferenzen meinend)/Institution (das Museum meinend) über das Fach hinaus etablieren können. Einen wichtigen Beitrag leisten hierzu auch die entsprechenden Konferenzbände, die seit 1984 erscheinen. 2012 ist nun der Band zur Konferenz von 2007 erschienen, der wie immer ein Potpourri der neuesten Forschungsergebnisse und Schwerpunkte darstellt.
Bewährt hat sich die Trennung der unterschiedlichen Sektionen „Niltal“ (S. 11–213), „Oasen und Wüstenregionen“ (S. 225–421) sowie die Sektion „Varia“ (S. 443–493).
Dabei berichten die ausgewiesenen Fachwissenschaftler über die laufenden Projekte wie beispielsweise die laufenden Grabungen in der Ortschaft Sais. Die beiden Projektleiter P. Wilson und G. Gilbert stellen den Stand zur Erforschung der älteren ägyptischen Geschichte an diesem Ort vor, wie sie sich bis 2007 entsprechend gestaltete und vordem nur durch inschriftliche Hinterlassenschaften mit vor- und frühgeschichtlicher Besiedlung verbunden worden ist. Die Grabungen, vor allem auch die Bohrungen, die nun von dem englischen Team seit 2001 unternommen werden, konnten bereits zeigen, dass hier aufgrund der gefundenen Sicheleinsätze, Keramik und Tierknochen während des Neolithikums eine dauerhafte Ansiedlung bestanden haben muss.
Zudem erfährt der Leser viele Neuigkeiten zu den polnischen Grabungen in Tell el-Farkha, einer Kom-Siedlung im Nildelta mit zugehörigem Nekropolenareal. Die Grabungen, die vor einigen Jahren aufgrund von Prunkobjekten wie den Goldstatuen und Elfenbeinstatuen auf sich aufmerksam machten, haben den chronologischen Horizont erweitert und zu einem besseren Verständnis der frühägyptischen Gesellschaft geholfen. In ihrem Beitrag gehen die Autoren auf die Einzelheiten und Fundumstände ein, die mit dem Depot der beiden berühmten Goldstatuen zusammenhängen (S. 41–64).
Ein äußerst interessanter Artikel ist der des Ägyptologen Joris van Wetering, der ein sehr berühmtes Grab der ägyptischen Frühgeschichte relokalisieren konnte. Während bislang verschiedene Versuche, das 1896 von dem französischen Prähistoriker J. de Morgan entdeckte so genannte königliche oder Menes-Grab von Naqada wiederzufinden, stets gescheitert waren, gelang es dem Team unter F. Hassan 1981 das Grab zu verorten. Die Funde und der entsprechende Survey werden von van Wetering derzeit ausgewertet, so dass weitere spannende Neuigkeiten erwartet werden dürfen. Neben einem kurzen Rundumschlag zur so genannten Reichseinigungszeit, die sicher teils etwas kritischer betrachtet werden muss, diskutiert er auch die Identifizierung des Grabherren. Während in der Forschung vorwiegend zwei Meinungen, nämlich Neith-Hotep und Prinz Rechib, vertreten werden, entscheidet er sich für eine Zuweisung an den Prinzen (S. 112–113).
Neben den Grabungsberichten sind einige Artikel auch Spezialuntersuchungen einzelner Fundgruppen bzw. -kategorien gewidmet: So beispielsweise einigen kruden Tonobjekten, deren eigentliche Funktion unklar ist und die von A. Maczynska vorgestellt werden. Ebenso wird ein Konglomerat von tönernen Objekten aus den alten Z. Saad-Grabungen aus Helwan von A. Abo-Elyazied publiziert, der zeigt, wie viel weitere Forschung auch an dem Altmaterial nötig ist, welches sich heute zu großen Teilen im Ägyptischen Museum von Kairo befindet. Der Artikel von S. Zakrzewski widmet sich der Untersuchung menschlicher Zähne und ihrer Aussagekraft zur Ernährung, Hygiene und Gesundheitszustand der frühägyptischen Gesellschaft. Dabei hat sie die Zähne von 418 Individuen von der Badari-Zeit bis ins Mittlere Reich untersucht. Sowohl anhand der zunehmenden Kariesfälle, als auch Abszessbildungen etc. kann sie eine Veränderung in der Ernährungsweise als auch Nahrungsproduktion dahingehend nachweisen, als dass eine Nahrungsumstellung auf zunehmend stärke- und zuckerhaltige Produkte von der Prädynastik zum Mittleren Reich hin stattgefunden hat. Überrascht stellt die Autorin allerdings fest, dass es interessanterweise eine generelle Verbesserung der Zahngesundheit während der 1.-2. Dynastie gegeben hat (S. 135). Dies verwundert ein wenig, bedenkt man, dass allein Individuen aus den Elitefriedhöfen der Region Abydos untersucht wurden und daher durchaus von einer besseren Ernährung, als auch medizinischer Betreuung der entsprechenden Personen ausgegangen werden kann. Hervorzuheben ist allerdings die große Bedeutung und Wichtigkeit, die der Beschäftigung mit dem alten Knochenmaterial zukommt, da hier noch viele Informationen schlummern, die für die Rekonstruktion einer vor- und frühgeschichtlichen Lebenswelt in Ägypten so entscheidend sind.
Gemäß dem Credo der Konferenzen und Publikationen ist man bemüht einen möglichst weiten Blick über die Thematik zu erhalten, weshalb neben dem Fokus Ägypten auch die angrenzenden Regionen wie beispielsweise der Sudan, als auch die sich an das Niltal direkt anschließenden Wüstenregionen aufgearbeitet werden. Herauszuheben sind hierbei sicherlich die Arbeiten von A. Kiraly, der Forschergruppe um L. Chaix und M. Honegger, die sich mit dem Gräberfeld von Kerma befassen, sowie der Kölner Arbeitsgruppe um H. Riemer.
Neben der geographischen Spannweite besticht der Band aber auch durch den zeitlichen Tiefgang. So werden nicht nur die häufig angesprochenen frühdynastischen und neolithischen Fundorte und -objekte präsentiert; auch das Paläolithikum, sowie der Übergang vom Paläolithikum zum Neolithikum (besonders im Artikel von N. Shirai) sind weiterhin zentrale Forschungsfragen, die noch nicht als gelöst gelten können.
In der letzten Sektion „Varia“ wird dieses Thema gleichsam erweitert, in der B. Poisblaud über seine Forschungen in Djibouti und die mit diesem Fundort verbundene Asgumhatian-Kultur schreibt (S. 463–477), bzw. die Forschergruppe um M. Kobusiewicz sich mit dem Paläolithikum in Tanzania auseinandersetzen. Nicht zuletzt sei auf den interessanten Artikel J. Sliwas hingewiesen, der sich der Forscherin A. Hertz verpflichtet fühlt und somit einen wichtigen Beitrag zur Forschungsgeschichte des Faches beisteuert. Kurz wird auf die Ergebnisse ihrer Forschungen auf frühgeschichtlichem Gebiet, so beispielsweise die Problematik der Wellenhenkelgefäße betreffend, eingegangen.
Alle in diesem Band versammelten Beiträge zeigen vor allem eines sehr gut: Es handelt sich eben nicht um abgrenzbare und für sich stehende Phänomene. Die Vor- und Frühgeschichte Nordafrikas kann und muss gemeinsam betrachtet und ausgewertet werden, wobei die unterschiedlichen Disziplinen, von der Archäologie, über die Ägyptologie, sowie naturwissenschaftlichen Untersuchungen allesamt einbezogen werden müssen. Jedem, der sich mit dem spannenden Sujet der nordafrikanischen Frühgeschichte auseinandersetzt, seien dieser und die bereits früher erschienenen Bände wärmstens zur Lektüre empfohlen.

12.08.2013
Robert Kuhn - Berlin
Prehistory of Northeastern Africa, New Ideas and Discoveries, Studies in African Archaeology, vol. 11. 2012. 495 pages, drawings, plans, photographs, 17 x 24 cm, dustjacket,
$ 90,00
Zu bestellen über Ihre Buchhandlung oder archeobooks@archeobooks.com
ISBN 978-83-60109-27-4
 
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