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Evangelischer Kirchenbau in Deutschland

Manche erkennen den Unterschied zwischen einer katholischen und einer evangelischen Kirche nur daran, ob sie außerhalb von Gottesdiensten geöffnet ist oder nicht. Der liturgische Hintergrund ist den wenigsten bekannt. Eine katholische Kirche wird durch einen liturgischen Weiheakt zu einem heiligen Raum, in dem das Messopfer vollzogen wird; die katholische Messe ist auch ohne Beteiligung der Gemeinde vollgültig. Die katholische Kirche kennt verschiedene Formen der Frömmigkeit, daher sind Kirchen für die private Andacht des Einzelnen den ganzen Tag geöffnet.
Eine evangelische Kirche wird eingeweiht in Form einer feierlichen Ingebrauchnahme, sie ist kein geheiligter Ort an sich, sie wird es erst in der Nutzung. Evangelischer Gottesdienst kann überall stattfinden, doch ist er nur gültig in der Gemeinde; daher sind die Kirchen nicht geöffnet für Privatandachten. Aber selbst diese äußerlichen Kriterien treffen häufig nicht mehr zu, denn katholische Kirchen werden geschlossen, um sie vor Diebstahl und Zerstörung zu schützen, und evangelische Kirchen werden (zumindest stundenweise) geöffnet, um dem zunehmendem Bedürfnis nach innerer Einkehr oder schlicht touristischen Anfragen gerecht zu werden.
Zur Museumspädagogik gesellt sich daher zunehmend die Kirchenpädagogik, die idealiter als eine interdisziplinäre Vermittlung zu denken ist, bei der Aspekte aus Theologie, Geschichte und Kunstgeschichte angesprochen werden, ergänzt um Sozialwissenschaften, Architektur und kunsthandwerkliche Techniken. Dafür plädiert überzeugend die Kunsthistorikerin Dr. Kathrin Ellwardt, die zum protestantischen Kirchenbau promovierte und seit langem mit diesem Schwerpunkt forscht. Aktuell erschienen ist im Michael Imhof-Verlag ihr informatives Buch „Evangelischer Kirchenbau in Deutschland“, das trotz der inhaltlichen Fülle auch ein handliches Nachschlagewerk ist, dessen einziges Manko das fehlende Register ist.
Ellwardts Anliegen ist, Kirchengebäude und ihre Ausstattungen in ihrem historischen Zusammenhang zu erklären, mithin „die Brille des 20./21. Jahrhunderts abzunehmen“. 500 Jahre evangelischer Glauben bieten dazu mannigfache Möglichkeiten, denn, ob ein Kirche kurz nach der Reformation, unter dem Ideengut der Aufklärung oder in der wilhelminischen Ära erbaut wurde, hat erhebliche Auswirkungen auf die Art des Bauens und Einrichtens. In Abgrenzung zur älteren katholischen Kirche ist auch über deren Sakralbauten einiges zu erfahren; die konkret beschriebenen Kirchen sind jedoch alle evangelische.
Zum Einstieg werden Herkunft und Bedeutung einiger grundlegender Begriffe erklärt wie „evangelisch“ und „protestantisch“, „calvinistisch“ und „lutherisch“. Auch lautet ihr Rat: Verwechsle nie „reformiert“ und „reformatorisch“, denn als Reformierte werden die Anhänger der zweiten (schweizerischen) Reformation unter Calvin und Zwingli bezeichnet, während reformatorisch die lutherische Bewegung kennzeichnet, die noch ein Reformierung der Papstkirche von innen suchte.
Wie sich die neue Liturgie auf die Ausstattung auswirkte wird höchst anschaulich vermittelt. So blieben von den sieben katholischen Sakramenten nur zwei übrig, nämlich die Taufe und das Abendmahl, das bedeutete: nur noch ein Abendmahltisch und ein Taufstein waren nötig. Die zahlreichen Nebenaltäre der mittelalterlichen Kirchen verschwanden, wurden umgenutzt oder schlicht ignoriert (dadurch wurde für spätere Zeiten erhalten, was in katholischen Kirchen der Neuerung zum Opfer fiel!).
Im Zentrum des Gottesdienstes stand nun die Predigt, daher erlangte die Kanzel große Bedeutung: sie wurde zunehmend in die Nähe des Altars gerückt. Mancherorts entstanden sogar Kanzelaltäre, bei denen in üppigen Aufbauten die Kanzel hinter und oberhalb des Altars angebracht wurde. Kirchenräume wurden umgestaltet, denn in querrechteckigen Räumen ist die Sitzordnung besser auf Altar und Kanzel hin auszurichten. Überhaupt die Kirchenbänke: auch sie kamen erst mit der Reformation in die Kirchen, da die Predigten teils zwei bis drei Stunden dauerten. Nur die Reformierten verzichteten generell auf bildliche Darstellungen, hingegen plädierte Luther für einen moderaten Umgang mit Heiligenbildern und –skulpturen, denen er pädagogischen Nutzen zugestand. Ihm ging es nur darum, dass diese nicht als heilig verehrt und angebetet würden. So entstand etwa in Idstein um 1670 eine neue Kirche mit komplett lutherischem Bildprogramm.
Die Autorin breitet ein faszinierendes Panoptikum der Kirchenbauten aus, quer durch die Jahrhunderte und die Regionen, immer mit ansprechenden Fotografien versehen. Großstädte sind häufiger vertreten, da evangelische Kirchenbauten oft aus dem Repräsentationsbedürfnis des Bürgertums entstanden. Doch werden auch Kleinstädte und der ländliche Raum bedacht, etwa die Fachwerkkirchen im armen Oberhessen. Der enge Zusammenhang zwischen Landesherrschaft und Kirche wird erläutert, auch konfessionelle Minderheiten mit ihrer Geschichte und ihren Bauten vorgestellt.
Die Zeiten des Umbruchs ab 1800 und die in der Folge erstmals stattfindenden Diskussionen um den „richtigen evangelischen Kirchenbau“ zeigen: auch Kirchen wurden immer im gesellschaftlichen Zusammenhang erbaut - und beides ist dem Wandel unterworfen. Erkor die Eisenacher Kirchenkonferenz 1861 die mittelalterlichen Bauformen als Ideal (auch) des evangelischen Sakralbaus, mithin die Neogotik in Kombination mit romanischen Elementen, so rückte das Wiesbadener Programm 30 Jahre später davon ab und stellte wieder das Ideal der protestantischen Gemeindekirche in den Mittelpunkt: der Zentralraum wurde neu entdeckt.
In den Dekorationsformen des Jugendstils kündigten sich neue Ideen an. Die Architekturdiskussion von Werkbund und Bauhaus brachten zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch in den Kirchenbau neue Architekturformen, die durch neue Materialien (Beton, Stahl in Kombination mit Glas) ermöglicht wurden. Konfessionen waren/sind bei Kirchenbauten kaum noch zu unterscheiden, allenfalls der Ostchor der katholischen Kirchen gibt noch einen Anhaltspunkt. Das letzte Kapitel ist der Nachkriegsentwicklung in beiden deutschen Staaten gewidmet und verweist auf aktuelle Tendenzen. Fazit: Für knappe 10 Euro ein absolut empfehlenswertes Handbuch.

12.6.2009
Dagmar Klein
Ellwardt, Kathrin: Evangelischer Kirchenbau in Deutschland. 200 S., 170 fb. Abb. 22 x 12 cm. (Imhof Kulturgeschichte ) Pb, Imhof Verlag, Petersberg 2007. EUR 9,95
ISBN 978-3-86568-164-5   [Imhof]
 
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