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Sperrzonen - Israels Architektur der Besatzung

Dass Sachbücher zur physisch unangenehmen Lektüre werden – nicht wegen der Qualität, sondern wegen ihres Themas – ist selten. Im Fall von Eyal Weizmans „Sperrzonen“ greift das Unbehagen direkt auf den Leser über: Beklommenheit und Wut mischen sich mit Fassungslosigkeit. Kritik an Israel (von Kritikern der Kritik gern als „Antisemitismus“ diffamiert) – das gehört in bestimmten Kreisen mittlerweile zum guten Ton (gerade deshalb ist Vorsicht geboten), zumal, wenn es um die israelische Palästinapolitik geht. Sie kommt so vielgestaltig daher, dass sie auch die Themenfelder Architektur und Städtebau betrifft. Hier setzt der Autor an – und Weizmans Kritik an Israel ist vernichtend.
Minutiös, dabei leider auch etwas langatmig, zeigt er auf, wie seit den Besatzungskriegen der sechziger Jahre Architektur und Städtebau – Siedlungen und Infrastruktur – regelrecht als Waffe eingesetzt werden. Nicht allein die berüchtigte „Mauer“, nicht nur die Zerstückelung des Landes durch Grenzstationen, die Demontage palästinensischer Ansiedlungen, der permanente Ausnahmezustand in den „besetzten Gebieten“ machen den Palästinensern das Leben unerträglich. Weizman zeigt auch, welche Strategien hinter scheinbaren Harmlosigkeiten stehen können. Er schärft den Blick dafür, dass Bauten – ob wild gesät oder detailliert geplant – nicht allein zur Urbanisierung des Landes dienen, sondern gleichzeitig die Funktion haben, Terrain zu arrondieren, Passagen und Wege des „Feindes“ zu durchtrennen, Menschen auszuschließen, zu verdrängen. So unterwanderten strategische Überlegungen allmählich das gebaute Gesellschaftsbild, Städtebau erscheint als Fortsetzung des Krieges mit neuen Mitteln. Apartheid, so Weizman, heißt heute die Prämisse israelischer Raumordnung.
Noch unfassbarer als die Pervertierung des humanen Heimstattgedankens erscheint, wie sehr sich das Gegensatzpaar „Einhausung-Ausgrenzung“ in der staatlichen Ordnung verselbständigt. Weizman zeigt auf, dass die Protagonisten des politischen Systems, das Militär, die internationalen Interessen, die Verwaltung und die Opposition sich gegenseitig aufgeschaukelt – und in einer Mischung aus Interventionismus, Machtgier und kumulativer Radikalisierung zu immer blutigerer Unterdrückung der Palästinenser gedrängt haben.
Ein durch und durch unangenehmes Buch: entlarvend und appellativ, gründlich recherchiert, verständlich aufbereitet, spannend und schmerzhaft. Dass es die Klischees über Israel untermauert, dürfte allerdings seine Schwäche sein. „Sperrzonen“ arbeitet sich an einem Thema ab, das sich über die vielen Jahre der Zermürbung abgenutzt hat. Zudem werden sich etliche Leser gegen Kritik an Israel verwahren. So muss der Band seine Aufmerksamkeit zwischen den Extremen finden. Dass dies gelingen kann zeigte 2007 „Wie im echten Leben. Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges“ von Joris Luyendijk. Die packende Reportage über die israelisch-palästinensischen Medienmanipulation, hervorragende Komplementärlektüre zu Weizmans Studie, war ein Bestseller. Nur führt vom Bucherfolg kein direkter Weg zum Verhandlungserfolg. Und die reale Überwindung der „Sperrzonen“ bleibt für die Menschen vor Ort weiterhin ein unerreichbares Ziel.

23.08.2010
Christian Welzbacher
Weizman, Eyal: Sperrzonen. Israels Architektur der Besatzung. Aus d. Engl. v. Deeg, Sophia /Endres, Tashy. Deutsche Erstausgabe. 352 S. Edition Nautilus, Hamburg 2009. Pb EUR 24,90
ISBN 978-3-89401-605-0
 
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