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Das Klassenzimmer vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute

Ich erinnere mich noch gern daran, als ich in den 1950er Jahren in der Grundschule das Klassenzimmer im Keller betrat, das aus Platzgründen immer mal wieder herhalten musste, die steigende Schülerzahl unterzubringen. Begeistert nahmen wir Platz auf den alten Schulbänken, aus denen man eingezwängt zwischen Tischplatte und Rückbank kaum wieder herauskam.
Statt dem Lehrer zu folgen, studierten wir die Ritzzeichen im alten Holz und klappten verstohlen immer wieder die Tischplatte auf und zu. Es war wie ein Geheimfach, zu dem nur ich Zugang hatte und aus dem heraus mein Schulbrotpaket nicht auf den Boden fallen konnte und das Poesiealbum einen sicheren Platz fand. Nur das Tintenfass war seiner ursprünglichen Funktion beraubt, es wäre eine Riesensauerei geworden, hätten wir dort unsere Tinte einfüllen sollen.

Derartige Sitzmöbel für Schüler gibt es schon lang nicht mehr. Welchen Wandel die Sitzmöbel im Klassenzimmer und die sie umgebenden Schulbauten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bis heute durchgemacht haben, beschreibt jetzt ein Ausstellungskatalog, den Roman Schneider als Kuratorin für das Schulmuseum in Tauberbischofsheim und der Geschäftsführer Thomas Müller der VS Vereinigte Spezialmöbelfabriken herausgegeben haben.

Der Katalog, der die einzigartige Sammlung in- und ausländischer Schulmöbel, aber auch Schulbauten vorstellt, vermittelt eindrucksvoll die Entwicklung in ihrer ganzen Vielfalt und zeigt, auf welche Weise der gesellschaftliche Wandel, neue pädagogische Anschauungen und wegweisende Schulbauarchitektur sich gegenseitig befruchtet und moderne Schuleinrichtungen geprägt haben.
Hatte man Ende des 19. Jahrhundert vorne die Lehrerschaft positioniert und die Kinder als stillsitzende Empfänger von Schulwissen in Stuhlreihen gezwängt, steht heute eine kindgerechte Gestaltung des Klassenzimmers im Vordergrund. Dafür zeigt der Katalog Beispiele aus ganz Europa bis zur Grundschule von Gando in Burkina Faso aus dem Jahr 2001, wo man mit den einfachsten Mitteln eine Schule schuf, die dennoch den Anforderungen einer modernen und ganzheitlichen Pädagogik gerecht wird.

Das Ziel zahlreicher Reformer, die Schule zu einem Lebensort zu machen, der eine ganzheitliche Entwicklung des Kindes fördert, ist bis heute nicht abgeschlossen. Die Palette der Schulen und ihrer Klassenzimmer reicht von hässlichen Schulfabriken bis zu farblich wohl abgestimmten Räumen sowie Flächen für Gruppenarbeit oder für das freie Spiel, je nachdem wie viel Geld die Kommunen für ihre Schulen locker machten.
Diese reich bebilderte Publikation liefert zahlreiche Beispiele auch weniger gelungener Schulbauten und Schulmöbel, sowie den historischen Hintergrund und einen Ausblick in die Zukunft.

Bleibt zu hoffen, dass die in diesem Katalog gezeigten Beispiele „Schule machen“.

8.4.2011


Gabriele Klempert
Das Klassenzimmer vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute
The classroom from the late 19th century until the present day.
Das Katalogbuch zum VS-Schulmuseum in Tauberbischofsheim. Dtsch/engl. 304 Se., 900 z. T. fb. Abb., 25 x 30 cm, Br., Wasmuth Verlag, Tübingen 2010. EUR 48,00
ISBN 978-3-8030-3348-2   [Wasmuth]
 
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