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Das Architekturmodell Werkzeug - Fetisch - kleine Utopie

Hajo aus der Lindenstrasse baut Architekturmodelle. Hajo geht es nicht gut. Womöglich liegt es daran, dass er eher Modelleisenbahnidyllen als Architekturmodelle generiert, die keinerlei Chance hätten, in die prominente Liste der Mock-Ups von Gabu Heindl und Drehli Robnik aufgenommen zu werden.
Deren Kompilation vereint ausschließlich Filmszenen mit Modellen in close-up, die als solche – und nicht als Miniatur-Trickaufnahme – ins Bild kommen. Aktuell wird die Arbeit im Deutschen Architekturmuseum (DAM) Frankfurt gezeigt und verweist damit zugleich auf das Konzept der Ausstellung. Es geht – so der gleichnamige Titel – um die Geschichte des Architekturmodells als Werkzeug, Fetisch und Utopie, vornehmlich im 20./21. Jahrhundert. Selbstredend liefert der dt./engl. Katalog auch eine kurze historische Rückschau, reflektiert über Funktion und Bedeutung von Modellen seit der Renaissance, nimmt Architekten/Künstler und Bauherren gleichermaßen in den Blick, richtet dann aber seinen Fokus gezielt auf die Phase ab 1920.
Dabei entsteht nicht nur ein dreidimensionales Handbuch der Architekturgeschichte, welches gleichermaßen Bekanntes wie Unbekanntes vereint, sondern ferner ein erweiterter Fragenkatalog, der sich um die Konkurrenz zwischen dem Modell und seiner Transformation ins zweidimensionale Medium der Zeichnung, Fotografie und nunmehr auch dem Film gebündelt Gedanken macht. Gerade die Verschränkung der Medien gilt als Kennzeichnung der Moderne. So wurden etwa ab den 1920er Jahren viele Architekturmodelle als reine ‚Fotomodelle‘ hergestellt, an denen möglichst realitätsnahe und vor allem stimmungsvolle Situationen – insbesondere der Innenräume – simuliert wurden und in denen die Grenzen zwischen Medium und Wirklichkeit nahezu verschwinden. Später wurde dieser Trend mit endoskopischen Instrumenten fortgesetzt. Neben den technischen Raffinessen und den sich damit auftuenden Rezeptionsmöglichkeiten, wird im Katalog anschaulich der Diskussion um die verschiedenen Interpretationsebenen von der Fotografie des Modells, des Modells und den Vorgaben der Auftraggeber (Architekt/Fotograf/Bauherr) nachgespürt.

Für die Ausstellung hat der Kurator Oliver Elser und sein Team aus den insgesamt 1240 Modellen der hauseigenen, von Heinrich Klotz begründeten Architekturmodell-Sammlung die prägnantesten 100 ausgewählt und weitere 200 aus aller Welt – insbesondere dem MOMA New York oder dem FRAC Centre Orléans – zusammengetragen, um nicht zuletzt den Wert des Modells als ein der Architekturzeichnung ebenbürtiges Original aufzuzeigen. So tritt die experimentelle Erprobung hier als eigenständiges Werk auf – inklusive einer Baugeschichte des Modells.
Neben den einleitenden Essays zur Geschichte des Architekturmodells (Oliver Elser) und der Architekturmodellfotografie (Rolf Sachsse) finden sich profunde Beiträge zur beeindruckenden Sternenkirche von Otto Bartnig (Sandra Wagner-Conzelmann), der Modellkammer von Herzog & de Meuron (Philipp Ursprung), den experimentellen Modellen von Frei Otto (Christiane Weber) und dem Gipsmodell von Erich Mendelsohns Einsteinturm (Michael Stöneberg). Gerade in diesem Fall brachte die intensive Forschung eine unschöne Überraschung zu Tage: Die Untersuchung im Computertomografen zeigte, das es sich bei dem Exponat des Einsteinturms nicht, wie jahrzehntelang geglaubt, um ein seltenes Original aus den 1920er handelt, sondern um einen Abguss aus den 1950er Jahren.
Unter den 90 Katalognummern fällt sicherlich der spiralförmige Hochhausentwurf von Conrad Roland von 1963/64 besonders ins Auge und zwar nicht nur, weil das Architekturmodell 24 Jahre in einem Berliner Depot eingelagert war, sondern vielmehr, weil der Entwurf für den 120 Meter Turm ungemein aktuell erscheint. Rolands Beitrag zum Hängehausprinzip – die Konstruktion wird durch ein Stahlnetz getragen und zugleich stabilisiert – stellte einen völlig neuartigen und gleichsam originellen Ansatz im Hochhausbau dar.
Um ein möglichst breites Spektrum abdecken und mehrere Perspektiven einnehmen zu können, wurden drei Hauptkategorien definiert: Werkzeug, Fetisch und kleine Utopie. Während das Architekturmodell als Werkzeug der Formfindung im Entwurfsprozess und zugleich der besseren Anschaulichkeit dient, versucht die Fetisch Abteilung, dem Materialkult, der Überhöhung des Modells als Kunstobjekt und als Form der Ersatzhandlung nachzugehen. So baute etwa Mies van der Rohe noch Jahre an seinem Modell für das Resor House weiter, obwohl ihm der Auftrag längst entzogen war. Arata Isozakis ‚Cluster in the air‘ steht beispielhaft für die Kleinen Utopien, die mit ihren Zellen,- Kapsel- und Trichterstädten besonders in den 60er Jahren visionäre Fragen aufwarfen. Mit der Urhütte in Einweckglas halten hingegen Haus-Rucker-Co ein Portion Idylle parat.
Die einzelnen, sehr umfangreichen Katalogeinträge stellen eine wahre Fundgrube an Text- und Bildquellen dar und sind zudem gespickt mit Informationen zu den vielfältigen Modellbautechniken. Das stimmige Layout des opulent ausgestatteten Kataloges aus dem Hause Scheidegger & Spiess (Zürich) tut sein Übriges, um innerhalb des Parcours durch 90 Jahre Architekturmodellgeschichte immerzu neue Einsichten zu erhalten.

21.08.2012
Martina Dlugaiczyk
Das Architekturmodell. Werkzeug, Fetisch, kleine Utopie. Hrsg.: Elser, Oliver; Schmal, Peter Cachola; Beitr.: Bausch, Petra; Bühler, Dirk; Demarez-Bandeh, Marilena; Elser, Oliver; Fankhänel, Teresa; Heindl, Gabu; Kasprzyk, Paulina; Kutschke, Adela; Michel, Markus; Pflugmann, Myriam; Robnik, Drehli; Sachsse, Rolf; Schmal, Peter Cachola; Stein, Franziska; Stöneberg, Michael; Sturm, Philipp; Ursprung, Philip; Wagner-Conzelmann, Sandra; Weber, Christiane; Weyck, Michael. Deutsch;Englisch. 360 S. 562 fb. u. 186 sw.Abb.. 30 x 24 cm. Gb. Scheidegger & Spiess, Zürich 2012. EUR 65,00. CHF 75,00
ISBN 978-3-85881-346-6   [Scheidegger & Spiess]
 
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