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Karl Friedrich Schinkel. Geschichte und Poesie

Es gibt sie noch, die großen monographischen Ausstellungen, die Blockbuster um die Helden der Kultur. Es sind, wohlgemerkt, immer die gleichen Helden. In Zeiten knapper Kassen und einfallsloser Kuratoren feiert die Affirmation fröhliche Urständ – und wo dieses Prinzip zum Quotenerfolg wird („Moma in Berlin“ etc. oder in der Museumslandschaft von Frankfurt am Main) tobt die Kulturelite vor Begeisterung, weil sie glaubt, man hätte das Volk wieder mit der Kunst versöhnt. Welch ein Irrtum.
Auch einer Schinkelretrospektive an und für sich wird man wohl Originalität nicht unterstellen können, wenngleich die Schau das Forschungsprojekt „Das Erbe Schinkels“ abschließt, in dessen Rahmen der Kunsthistoriker und Co-Kurator, Rolf H. Johannsen, sämtliche im Besitz der Berliner Staatlichen Museen (Kupferstichkabinett) befindlichen Schinkelzeichnungen digitalisierte, neu inventarisierte und vor allem mit großer Kenntnis analysierte. Ein neuer Anlauf, sich Schinkel zu nähern, ist diese Ausstellung also (und mit ihr der hier anzuzeigende Katalog, der sie dokumentiert) – und doch sind die vorliegenden Ergebnisse denkbar alt. Das liegt, man kann es deutlich sagen, am Konzept. Denn dieses ließ eben keinen anderen als den affirmativen Blick zu. Bedauerlich ist das gewiss, um so mehr es einem Schinkel, der der Gegenwart vielleicht etwas zu sagen hätte, keineswegs gerecht wird, mithin die seit den 1980er Jahren (Schinkeljahr 1981) betriebene Einmottung des „Genies“ (dieser Begriff fällt mehrfach auch im vorliegenden Katalog) nur weiterführt. (Erheblich zu dem Eindruck, Schinkel sei gestrig, trägt die Tatsache bei, dass es im Katalog keine Abbildungen resp. Photographien von Schinkelbauten im heutigen Zustand gibt.)
Ausstellungen dieser Art (und ihre Kataloge) lassen sich leicht von zwei Seiten aus kritisieren, bis nichts mehr übrig bleibt: Einmal im ganz Kleinen und dann im ganz Großen. So ist es auch hier. Zuerst also das Kleinkarierte: Warum wird das Kreuzberg-Denkmal, eines der ersten Nationalmonumente der Deutschen, nicht näher gewürdigt, in den Gesamtzusammenhang von Landschaft und Park eingebettet, sondern – man muss es schon sagen: marginalisiert? Warum fehlt Schinkel als Städtebauer, der Mann der subtilen Blickbezüge zwischen Solitären? Warum ist der Hofarchitekt (man fand neu heraus, dass er diesen Titel trug) gewürdigt, nicht aber der Alltag des Baubeamten, der Projekte von Aachen bis Königsberg begutachten und verbessern musste, oft selbst gültige Alternativvorschläge lieferte. Warum fehlt die direkte Nachwirkung der Berliner Schule, die sich selbst „Schinkelschule“ nannte – um an ihrem Beispiel zu zeigen, wie frühe Kanonisierungsprozesse und Mythenbildungen um Schinkel entstanden, deren Topoi weiter gelten (wie der Katalog dokumentiert). Schinkel sei nicht kritisiert worden, kann man lesen. Das stimmt nicht, wie Klaus Jan Philipp und Harold Hammer-Schenk schon vor Jahren in Aufsätzen darlegen konnten. Innerhalb Preußens war es vor allem Schinkels Mitarbeiter Bürde (der Mann, dem man heute den grandiosen, von der Moderne so intensiv gewürdigten Entwurf für ein Kaufhaus Unter den Linden zuschreibt), der dem Meister mit Verbesserungsvorschlägen zu schaffen machte. Außerhalb Preußens aber erschien Schinkels Einzigartigkeit ohnehin relativ. Hübsch, Klenze, Semper sind nur drei von zahlreichen einflussreichen und bedeutenden Zeitgenossen, die im Deutschen Reich tätig waren, dies in zentralen Positionen. Nimmt man noch Österreich, England, Frankreich, vielleicht sogar die USA hinzu, so erscheint Schinkel plötzlich in einem anderen Konzert der Künste – einem großen, vielstimmigen Konzert der Künste, in das ihn eine große Schau wie diese recht eigentlich hätte stellen müssen.
Damit sind wir auch bei der Kritik im Großen: Wozu Monografien (Ausstellungen und Kataloge) über Meister, die längst monografisch erschlossen sind (in diesem Fall durch das publizistische Großprojekt Schinkel Lebenswerk, das seit den 1930er Jahren läuft)? Ja, wozu? Der Erkenntniszuwachs, den das Forschungsprojekt „Das Erbe Schinkels“ gebracht zu haben scheint, lässt jedenfalls von einer Revision des Schinkelbildes – sie würde eine solche Schau durchaus rechtfertigen – nichts ahnen. Kurzum: einem international so bedeutenden Gegenstand, wie Werk und Wirkung Schinkels, hätte man sich endlich in großem, internationalem Umfange nähern müssen. Wie sieht es denn aus mit der Gewerbeförderung, die Katalog und Ausstellung in einem eigenen Kapitel herausstellen? – Ein Blick nach Wien, wo man die Lektionen aus England und Frankreich noch schneller zog, als in Preußen, hätte da schon manch interessantes Material für den Vergleich hergegeben. Der langlebigsten Frage der Schinkelforschung, wie das eigenwillige Verhältnis zwischen „gotischer“ und „klassischer“ Formensprache in seiner Architektur letztlich zu werten sei, geht man im Katalog aus dem Weg: Die Dichotomie (zu der sich ja weitaus mehr Stillagen hinzugesellen) ist im Kapitel über den „nationalen“ Schinkel durch den Blick auf die Bauaufgaben gleichsam aufgelöst. Aber ist denn Schinkel wirklich der einzige unter den zeitgenössischen Architekten, der die Stile und Modi in nuancierter Schattierung einsetzte, je nach Bauherr, Sinn und Zweck eines Projekts – oder würde nicht auch hier der nationale und internationale Vergleich helfen, d.h., dem Meister gerechter werden?
Fragen über Fragen und am Ende Unbehagen.
Nein, am Ende lieber doch Lob, Lob, Lob. Natürlich ist das eine ehrenvolle und bewundernswerte Sache, so eine Ausstellung über Schinkel. Und natürlich ist sie den Kuratoren auch prächtig und nachhaltig gelungen. Zum Katalog: Das Papier liegt weich in der Hand, die Abbildungsqualität ist hervorragend. Und die gewählte Schrift (eine Wahlbaum) hat die Eigenschaft, das Lesetempo so stark zu drosseln, dass man viele Tage und Wochen mit dem zum Teil recht Kleingedruckten verbringen kann. Vielleicht den ganzen Winter und noch den nächsten. Vielleicht auch so lange, bis endlich die nächste Schinkelausstellung beginnt, auf die sich der Rezensent schon jetzt herzlich freut.

PS: Eine letzte Frage an die Germanisten: Muss es heißen „Entwurf zu“ oder „Entwurf für“ – Im Katalog herrscht konsequent die erste Formulierung vor und sie erscheint dem Rezensent durchaus merkwürdig.

22.10.2012
Christian Welzbacher
Karl Friedrich Schinkel. Geschichte und Poesie. Katalogbuch zu den Ausstellungen im Kunstforum in Berlin vom 7.9.2012-6.1.2013 und in der Kunsthalle der Hypo Kulturstiftung vom 1.2.-12.5.2013. Hrsg.: Schulze Altcappenberg, Heinrich. 360 S. 300 Abb. 28 x 24 cm. Gb. Hirmer Verlag, München 2012. EUR 39,90. CHF 59,90
ISBN 978-3-7774-5421-4
 
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