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Zwischen Scheibe und Wabe

Ein Buch über Verwaltungsbauten der 60er Jahre scheint auf den ersten Blick eine recht spröde Angelegenheit zu sein. Jedoch zeigt eine intensivere Auseinandersetzung mit dieser Baugattung, dass sie weit mehr als nur Bürobauten hervorgebracht hat. So sind hier sowohl die markanten stadtbildprägenden Firmensitze zu nennen, wie etwa das Düsseldorfer „Dreischeibenhochhaus“ von HPP als auch markante Rathausneubauten, wie z.B. in Marl oder Kaiserslautern sowie spektakuläre Hängekonstruktionen, für die die Münchner „BMW-Hauptverwaltung“ von Karl Schwanzer wohl das bekannteste Beispiel ist. An der inneren Organisation der Verwaltungsbauten und dem architektonischen Gesamtbild lassen sich deutlich die wandelnde Vorstellung von Arbeit und auch der Glaube an ihre Planbarkeit ablesen. Die serielle Gleichförmigkeit der Verwaltungsprozesse schlug sich zum einen in der Aneinanderreihung von Zellenbüros und zum anderen in unübersichtlich-amorphen „Bürolandschaften“ nieder. Besonders letztere spiegeln deutlich die Diskurse der späten 60er Jahre nach flachen Hierarchien, direkter Kommunikation und Gruppendynamiken wider. Der zunehmend chaotischere Charakter der Großraumbüros wurde zu Beginn der 70er Jahre schließlich als negativ wahrgenommen, da zuviel Lärm und Ablenkung die Arbeitsprozesse eher zu verlangsamen drohten. Zudem setzte sich die Erkenntnis durch, dass ständige Kommunikation nicht notwendig ist und sich die Arbeit in übersichtlich strukturierten Gruppenbüros effizienter leisten lässt.
Dieser konzeptuelle Wandel war auch verantwortlich für einen Wandel in der Architektur. Der überwiegend rechteckige Zuschnitt der Verwaltungsbauten mit zu langer Wegeführung, aufwendiger Klimatisierung und Belichtung wurde ab den späten 60er Jahren zunehmend vom kompakteren wabenförmigen Sechseckraster abgelöst. Neben der einfacheren Erweiterbarkeit versprach das Wabenraster auch mehr Tageslicht und größere Flexibilität.

Clemens Kieser beleuchtet in seinem einführenden Essay kurz all diese Faktoren. Positiv ist auch zu bemerken, dass die Verwaltungsbauten in Ost und West gleichermaßen berücksichtigt wurden und dabei die unterschiedlichen Charakteristika vor dem Hintergrund der verschiedenen politischen Rahmenbedingungen herausgearbeitet werden. Allerdings sind hier einige Fehler zu finden: So wird Hermann Henselmanns „Haus des Lehrers“ (1961-1964) vom Alexanderplatz im Osten an den Potsdamer Platz im Westen verlegt (S. 30f.). Auch erweist es sich als wenig hilfreich, dass in Bezug auf die Architektur Henselmanns hier nochmals auf die sogenannte „Bildzeichenarchitektur“ eingegangen wird. Dieses Konstrukt der DDR-Architekturgeschichtsschreibung wurde mittlerweile längst von der Forschung widerlegt. Die „Wende im Bauwesen“ hin zu einer industriellen Architektur, die die DDR ab Mitte der 50er Jahre vollzog, hätte statt am Beispiel Henselmanns ebenso gut direkt an Verwaltungsbauten gezeigt werden können, da diese Baugattung bereits während der 50er Jahren mit ihren Rasterfassaden eine breite Rezeption internationaler Tendenzen in der DDR dokumentiert. Wie es etwa am Hochhaus der Thüringer Landesregierung in Erfurt (1950-1951), von Egon Hartmann und Kollektiv und am Verwaltungsgebäude des Erfurter Kalikombinates (1956) von W. Schappler, deutlich abzulesen ist. Schappler rezipierte zudem verstärkt Publikationen aus der Bundesrepublik über internationale Architektur, wie etwa „Schweizer Architektur“ von Hans Volkart aus dem Jahre 1951 und die DDR vollzog darüber hinaus nahezu zeitgleich mit dem Westen den Wechsel zum Sechseckraster.
Insgesamt bleibt für die gesamte Publikation das Ansetzen der zeitlichen Trennlinie mit dem Jahr 1960 nicht nachvollziehbar. Kiesers Argument, dass zuvor während der 50er Jahre überwiegend „kunsthandwerklich orientierte ‚Nierentisch-Architektur’“ (S. 8) produziert worden sei und erst ab 1960 eine Hinwendung zum „International Style“ zu verzeichnen wäre, vermag dabei kaum zu überzeugen. In West und Ost lassen sich zuhauf Architekturbeispiele finden, die weit weg von jeglicher Nierentischästhetik anzusiedeln sind. Wie gesehen in der DDR, aber gleichermaßen auch in der Bundesrepublik, wofür etwa das „Philips-Haus“ am Berliner Wittenbergplatz von Werner Weber (1949) und das „Rathaus Berlin-Kreuzberg“ in der Yorckstraße von Willy Kreuer (1952-1954) als Beispiele dienen können.
Die Denkmalpflegerin Astrid Hansen diskutiert in ihrem Essay die Möglichkeiten und Probleme, die in der Praxis an den Bauten der 60er und 70er Jahre auftauchen und heute immer mehr in den Focus rücken. Vielfältige Materialexperimente und Neuerungen auf dem Baustoffsektor erschweren oftmals den Substanzerhalt, den sie jedoch gegenüber dem reinen „Abbild“ des Denkmals als essentiell einstuft. Und auch das oft bemühte Totschlagargument der ungünstigen Energiebilanz, das nur allzu oft gegen den Erhalt von Bauten der Nachkriegsmoderne ins Feld geführt wird, kann sie nicht gelten lassen, da es praktisch auf jedes Baudenkmal zuträfe.
Der durchweg gut bebilderte, mit Grundrissen, Detailaufnahmen und Schnitten versehene Katalogteil bietet dem Leser viele Entdeckungen. Allerdings erweist sich die hin und wieder unkorrekte Terminologie als irreführend. So wird anhand der Fassade des Verwaltungsgebäudes der Siemens AG in Saarbrücken der Begriff „Negativecken“ verwendet. Gemeint ist dabei eine Ecklösung nach dem Vorbild von Mies van der Rohes Seagram-Building, bei der die konstruktive Trennung von tragendem Skelett und curtain-wall am Bau abzulesen ist. Laut der Autoren zeigt sich am Saarbrücker Beispiel jedoch eine „’Ersparnis’ des Eckkerns“ das das Konstruktionsprinzip des Skelettbaus in Frage stelle. (S. 107f.)
Kurz: Ein interessantes Buch, das den Blick für die architektonischen Qualitäten der Baudenkmale aus den 60er und 70er Jahre schärfen kann, dem jedoch ein sorgfältigeres Fachlektorat gut getan hätte.

02.11.2012
Elmar Kossel
INVENTARISATION. Zwischen Scheibe und Wabe. Verwaltungsbauten der Sechzigerjahre als Denkmale. 184 S., 190 fb. u. 103 sw. Abb. 30 x 21 cm. Pb. Imhof Verlag, Petersberg 2012. EUR 14,95. CHF 21,90
ISBN 978-3-86568-800-2   [Imhof]
 
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