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Aufbruch!
Architektur der fünfziger Jahre in Deutschland

Aufbruch !
Wohin ?
In die zylindrisch-wirbelnde Dynamik der scheinbar im Endlos verschwindenden Treppe der Neuen Maxburg (Justizgebäude, München, 1953- 57) und die nüchtern-gerasterte Glasfenster-Bescheidenheit des Foyers im Schiller-Theater (Berlin-West, 1950-51). So verweisen schon die beiden Umschlagfotos auf die zwei Herkunftsstränge der hier exemplarisch dokumentierten deutschen Moderne, Bauhaus-Stil und ein erst nach 1945 rezipiertes organisch-amorphes, „internationales“ Formenverständnis. Womit, methodisch sinnvoll, die Tradierung von Heimatschutzstil, NS-Architektur (Zentrale des Gerling-Konzerns, Köln, 1951) und russischem Neo-Klassizismus (Stalin-/Karl-Marx-Allee, Berlin-Ost, 1950-1956) ausgespart bleibt. Auch das hier, anders als meist bisher, um DDR-Bauten (Berlin-Ost:Kino International 1959-63, Cafe Moskau, 1959-64; Pirna: Speisehaus des VEB Entwicklungsbau, 1956-58) dieser Moderne erweiterte kunsthistorische Spektrum überzeugt, konterkariert jedoch vom ahistorischen Verständnis, auch diesen Bauten die „Schaffung demokratischer Strukturen in Politik, Wirtschaft und Kultur“ (Klappentext) in der Bundesrepublik zuzusprechen.

Zwischen diesen beiden Umschlagfotografien dann fast 50 bekannte (dominierend: West-Berlin), unbekannte, exzeptionelle, bescheidene Bauten, denkmalgeschützt manche, abrissgerettet einige – einprägsam fotografierte Hingucker alle, mit ihrer Baugeschichte (meistens informativ), Nutzung (manchmal etwas sparsam), den Lebensläufen ihrer Architekten (ausführlich). Architektonische Gestaltung als auch singulärer Spiegel zeittypischer Wünsche, Notwendigkeiten und Befindlichkeiten: der nachkriegstypisch vielen Kirchen, der beginnenden Auto-Begeisterung (erstes deutsches Parkhaus, Düsseldorf 1952/53), meist rheinischer Fabrik- und Verwaltungsgebäude (Parfümeriefabrik „4711“, Köln 1950-58; Thyssen-Dreischeibenhaus Düsseldorf, 1957-1960), der ersten Wohnhochhäuser (Theresienstraße, München 1950-52). Und architektonische Gestaltung mit individuellen Überraschungen wie jenes hier entdeckte U-bootförmige Frankfurter Stellwerk „Ffp“ von 1957, im ICC-Vorbeifahren bisher immer den Dreißiger Jahren zugeordnet … . Noch überraschender aber, immer wieder und besonders in Innenräumen, der sich als nur scheinbar erweisende Gegensatz kantig-eckiger und rund-schwingender, weil funktional und ästhetisch-visuell miteinander verbundener Formen, tageslichtdurchdrungen. Das Tageslicht, substantielles architektonisches Gestaltungsmittel in dieser Zeit.

Aufbruch !
Wohin ?
Dieter Bartetzkos Essay rahmt die Fünfziger Jahre architekturgeschichtlich und sozio-kulturell grundierend ein und weitet so unseren Blick hin auf den in diesem Band optisch nicht sichtbaren Januskopf dieser Epoche. Die, heute selbst abrissbedroht, auch Aufbruch in den Abbruch kriegsruinierter, historisch bedeutsamer Bausubstanz war (so der Schlösser in Braunschweig, Berlin und Potsdam). Doch das ist nicht Thema dieses Buches: einer methodisch, fotografisch und graphisch gelungenen Hommage an die Moderne der Nachkriegsarchitektur, die Architekturhistoriker und Nostalgiker begeistern wird. Und vielleicht jene nachdenklich macht, die einer noch immer als restaurativ-spießig beschrieenen Epoche nur ungerne auch innovative Komponenten zugestehen.

02.01.2013
Wolfgang Schmidt, Berlin Friedenau
Aufbruch!. Architektur der fünfziger Jahre in Deutschland. Foto(s) von Engels, Hans. 160 S. 15 sw. Abb., 80fb. Abb. 30 x 24 cm. Gb. Prestel Verlag, München 2012. EUR 39,95. CHF 53,90
ISBN 978-3-7913-4698-4
 
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