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Sowjetmoderne 1955-1991

Bereits das Cover gibt Thema und Grundduktus der Publikation vor: Einem Ufo gleich schwebt das Erholungsheim der Schriftstellervereinigung auf der Sewan-Halbinsel (Armenien) von 1965-1969 über dem Meer. Als eleganter modernistischer Riegel, von einer einzigen Pilzstütze getragen, schiebt er sich mit seiner halbkreisförmigen Glasfassade weit über den Abhang vor und scheint dem Betrachter so einen Blick in eine unbekannte Welt zu ermöglichen.
Denn tatsächlich breitet sich vor dem Leser eine überwiegend unbekanntes Architekturpanorama aus, das ihn durch 14 der ehemaligen Sowjetrepubliken (ohne Russland) von der Ostsee bis nach Zentralasien führt. Das Architekturzentrum Wien hat in einem mehrjährigen Projekt seit 2009 den vorliegenden Katalogband als auch die dazugehörige Ausstellung mit vielen Partnern in den einzelnen Ländern vor Ort erarbeitet. Durch Reisen, Fotodokumentationen und Fallstudien aber besonders durch Interviews mit vielen Architekten und Zeitzeugen sowie die Konsultation der Archive ergibt sich ein vielschichtiges Bild des Architekturgeschehens. Russland wurde dabei bewusst ausgespart, da die Erforschung der größten der Sowjetrepubliken den Rahmen und auch die Kapazitäten des Projektes gesprengt hätte. Und – so argumentieren die Herausgeber – seien der Konstruktivismus und die Architektur der Stalinzeit im Westen bereits gut bekannt, wodurch der Blick verstärkt auf Unbekanntes gelenkt werden konnte. Die Auswahl unterstreicht eindrucksvoll, dass der Verzicht auf Russland keineswegs zu einer Verwässerung des Gesamtbildes führte, sondern die UdSSR umso schärfer als Vielvölkerstaat mit einer Vielzahl an Sprachen, Kulturen, Ethnien und Religionen hervortreten lässt. Gleichwohl bleibt Russland immer präsent, da die Planungsstrukturen und oft auch die die Entwürfe aller öffentlichen Gebäude zentral von Moskau aus gesteuert wurden. Zudem manifestierte sich in der Architektur der Teilrepubliken stets das Verhältnis zu Russland. Es bleibt immer ablesbar, ob sie sich zu assimilieren suchten oder eine kulturelle Eigenständigkeit behaupteten. So gewaltig wie die geographischen Dimensionen, die bei dem architektonischen Streifzug durchmessen werden, so reich ist auch die Vielfalt der kulturellen Identitäten der einzelnen sehr unterschiedlichen Teilrepubliken, die sich im Charakter der Architektur deutlich widerspiegeln. Die ausgewählten Architekturbeispiele versammeln überwiegend Sonderbauten, die eine große gestalterische Vielfalt abseits einer Plattenbautristesse dokumentieren. Das Ansetzen der zeitlichen Trennlinie mit dem Ende der Stalinzeit resultiert aus der unter Chruschtschow vollzogenen Hinwendung zur industriellen Architektur und damit verbunden einer verordneten Abkehr von der stark ornamentierten und mit Klassizismen angereicherten stalinistischen Architektur, die im Westen vornehmlich als „Zuckerbäckerstil“ rezipiert wurde. Der vorliegende Band belegt auch den fachlichen Austausch während des Kalten Krieges zwischen Ost und West, der etwa durch westliche Architekturzeitschriften, die in der UdSSR selbstverständlich präsent waren, wenn auch meist in vom KGB kontrollierten Bibliotheken sowie auch durch Auslandserfahrungen sowjetischer Architekten, die zeitweise in westlichen Architekturbüros tätig gewesen waren.
Das topographisch gegliederte Buch stellt jedem Kapitel zunächst eine Karte zur Orientierung und einen kurzen historischen Abriss der jeweiligen Republiken voran. Hieran schließt sich ein Reisebericht an, der (teilweise recht persönlich gehalten) kurz in den gegenwärtigen Charakter der Länder einführt und von Erwartungen und tatsächlichen Rechercheergebnissen berichtet. Gefolgt von den Essays der örtlichen Experten, die über die Architekturentwicklung und historische Besonderheiten aus ihrer Sicht schreiben. Das Nebeneinander dieser unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet die zentrale Fragestellung der Autoren nach den kulturellen und architektonischen Identitäten der Sowjetrepubliken oft mit recht unterschiedlichen Akzenten. Jedoch kristallisieren sich deutliche Schwerpunkte heraus: So die demonstrative Orientierung der Baltischen Länder nach Skandinavien, die auch als erste 1990/91 ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion erklärten. Moldawien, Weißrussland und die Ukraine hingegen orientierten sich fast widerstandslos an Russland und entwickelten sich damit zu „sozialistischen Musterrepubliken“, wofür auch das „Fehlen von Tradition“ (S. 63) oder besser das Fehlen einer eindeutigen Traditionslinie als Grund angegeben wird. Die Republiken im Kaukasus und in Zentralasien verbanden dagegen ihre reiche überwiegend islamisch geprägte Tradition mit der Moderne, was teilweise zu unverwechselbaren Bauten führte.
Das Buch ist jedoch nicht nur ein Streifzug durch die Vergangenheit, sondern berichtet auch über die Zerstörungen, der die Städte seit dem Ende der Sowjetunion 1991 bis heute ausgesetzt sind. Stadtstrukturen, Grünflächen und Ressourcen werden dauerhaft durch rücksichtslose Investorenarchitektur vernichtet. Am Beispiel Almatys (ehemals Alma Ata / Kirgistan) beschreibt die Architektin Yuliya Sorokina in ihrem Essay wie folgt: „Heute kann jede/r mit genügend Geld oder Macht, ihre/seine ‚architektonische’ Phantasterei auf eine Serviette schmieren, und schon pflanzt eine Gruppe ‚professioneller ArchitektInnen’ diese Phantasterei in die Stadtlandschaft“ (S. 188). All die Baudenkmäler und mit ihnen auch die kulturelle Identität der Bewohner, die weder der Kalter Krieg noch Diktatur und der Zusammenbruch der Sowjetunion zu zerstören vermochten, werden nun in wenigen Jahren einem gefräßigen Kapitalismus geopfert. Ein Phänomen, das man zwar trefflich im fernen Zentralasien studieren kann, für dessen Beobachtung allerdings auch ein Blick vor die eigene Haustür genügt. So lenkt der Band neben der Dokumentation und Kontextualisierung eines für westliche Leser noch weitgehend unbekannten Abschnittes der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts auch auf ein globales Phänomen, das uns alle angeht.

30.03.2013

Ausführlich wurde in der FAZ am 19.4.2912 die Ausstellung "Baumeister der Revolution" rezensiert. Der Katalog dazu sei hier zur Ergänzung empfohlen: Baumeister der Revolution. Sowjetische Kunst und Architektur 1915-1935. Text: Cohen, Jean-Louis; Tsantsanoglou, Maria; Lodder, Christina; Ametow, Maria; Rogosina, Maria. Fotograf: Pare, Richard. 270 S. 250 Abb. 30 x 25 cm. Gb. Mehring Verlag, Berlin 2011. EUR 39,90. ISBN 978-3-88634-096-5
Elmar Kossel
Sowjetmoderne 1955–1991. Eine unbekannte Geschichte. Beitr.: Ritter, Katharina; Shapiro-Obermair, Ekaterina; Wachter, Alexandra; Kappeler, Andreas; Kalm, Mart; Veinberga, Iliana u.v.a. 360 S. 634 fb. u. 388 sw. Abb. u. Pläne. 29 x 24 cm. Gb. Park-Books, Zürich 2012. EUR 48,00. CHF 56,00
ISBN 978-3-906027-13-5   [Park Books]
 
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