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Die Kunst der Bausünde

So hässlich, dass es schon wieder gut.

Was ist das eigentlich, eine Bausünde? Schwer zu sagen, denn wer kann wirklich beurteilen, welches Bauvorhaben misslungen ist. Jedenfalls wird viel geschimpft, über den Zustand unserer Städte, über fehlendes Feingefühl beim Bauen im Bestand, über billige und hässliche Materialien, über mangelnde Stilsicherheit und krudes Formverständnis, über fehlende Funktionalität. Bausünden mag niemand – außer der Architekturhistorikerin Turit Fröbe, die sich seit einigen Jahren mit dem Thema befasst.

Ihr jetzt erschienener Band stellt einige Höhepunkte vor, in Text und Bild. Ganz neu ist diese Idee freilich nicht, schon im Jahr 2009 erschien im Marburger Jonas-Verlag ein ähnliches Buch über Architektursünden in Hessen. Neu ist freilich, mit welcher Vehemenz Turit Fröbe eine positive Sichtweise auf Bausünden einfordert. Ihr Argument: Gute Bausünden machen Freude und erregt Anstoß, sagt sie: „Eine gute Bausünde hat einen sehr starken Wiedererkennungswert, hat Mut, greift daneben und sprengt den Kontext.”

So grotesk, aber auch abbildungswürdig, wie die hier vorgestellten Bauprojekte sind, so sehr fühlt sich ihnen die 1971 geborene, in Berlin lebende Autorin verbunden – diesen Einfamilienhaus-Siedlungen, der grotesken Kölner Domplatte, sogar dem 2007 eröffneten Einkaufszentrum „Alexa“ am Alexanderplatz. Selbst lebt die Autorin allerdings in einer Wilmersdorfer Altbauwohnung, erfahren wir und sind ein bisschen enttäuscht. Würde sie neben dem „Alexa“ leben wollen?

So hässlich, dass es schon wieder gut ist – so ähnlich funktioniert die Argumentation der Autorin, doch das wird der kruden Unwirtlichkeit unserer Städte kaum gerecht. Wenn Turit Fröbe das „Alexa“ oder auch den pop-artigen Berliner „Bierpinsel“ (eigentlich: „Turmrestaurant Steglitz“) lobt, weil sich diese Bauten von dem Einheitsbrei der Architektur abheben, dann mag man ihr nicht recht geben.

Überaus amüsant und ironisch beschreibt sie dagegen ihre Beobachtungen in den „Schizohäusern“, in den Doppelhaushälften, bei denen sich die zwei Eigentümer nicht auf eine einheitliche Außengestaltung verständigen konnten. Andere Hausbesitzer befinden sich in einem ständigen „Baumarktfieber“, hübschen mit Säulen, Brunnen und vielerlei Zierrat geschmacksfrei auf. Versuchen es zumindest. Auch das sind herrliche Bausünden, meint die Autorin.

Vielleicht hat sie ja recht. Vielleicht sollte man schmunzeln über all die Hässlichkeit, die städteplanerischen Desaster, die uns umgeben, wie das von James Rizzi entworfene „Happy Rizzi“-Haus in Braunschweig. Die schönsten und meisten Bausünden fand die Autorin übrigens in Berlin, Braunschweig, Pforzheim, Karlsruhe und Bielefeld. Ihre Stadt ist nicht dabei? Dann freuen Sie sich – oder blicken Sie neidisch nach Berlin, wo Turit Fröbe die allermeisten Bausünden des Landes verortet. Abreißen? Niemals, sagt die Autorin: „Auf eine gute Bausünde folgt in der Regel keine gute Architektur, sondern langweiliger Einheitsbrei. Gute Bausünden sind eine echte Alternative zu mittelmäßiger Architektur.“

13.09.2013

Marc Peschke
Die Kunst der Bausünde. Fröbe, Turit. 180 S. 18 x 23 cm. Gb. Lübbe Bastei, Köln 2013. EUR 16,99. CHF 24,50
ISBN 978-3-86995-053-2
 
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