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Is there (Anti-)Neoliberal Architecture?

Die Krise hinterlässt ihre Spuren im Denken einer jüngeren Forschergeneration: in den Fokus kommt eine wirtschaftspolitische Perspektive auf den Gegenstand – in diesem Falle die Architektur – und heraus kommen: neue Ergebnisse. Was der vorliegende, schmale aber wichtige Band versammelt, sind Positionen zur „Architektur des Turbokapitalismus“ (seit den 1970er Jahren), die in den letzten Jahren entstanden. Alle Autoren beschäftigen sich, angeregt und aufgeschreckt durch die Totalität neoliberalistischen Denkens und Handelns, mit der Frage, wie sich Architektur durch die Bedingungen der globalen Marktwirtschaft verändert und – umgekehrt – ob Architektur, in Form gebauter Kritik, auf die Bedingungen dieser gegebenen Situation reagieren, sie ihrerseits verändern oder doch zumindest kommentieren kann.
Interessant ist dabei zweierlei. Erstens ist die hier vertretene Forschergeneration aus dem Umfeld der technischen Hochschulen und der Graduate Schools selbst ein Produkt des Neoliberalismus, der Wissen und Wissensverwaltung als Machtfaktor, Bildung als Kapital begreift. Die Kritik am System erfolgt also aus dem System heraus – und sie bleibt auch deshalb milde, weil sich die Forscher mit ihren kritischen Arbeiten im System positionieren, mithin ihr humankapitalistisches Konto durch eine neue Publikation anreichern.
Zweitens fällt auf, dass die Forscher mit ihrer eigenen Position gegenüber dem von ihnen ins Visier genommenen System hadern. Das hängt mit dem zuvor genannten Punkt direkt zusammen: das eigene Nest will dann doch niemand beschmutzen, denn man hat sich darin schon ein warmes Plätzchen für die Zukunft ausgesucht. Und solange man sich innerhalb des Nests befindet, gibt es auf dieses eben nur bestimmte Blickwinkel – den Blick von Außen gibt es nicht. Nichts anderes verbirgt sich hinter der Mär von der „Alternativlosigkeit“ des heutigen Kapitalismus, der eben auch zu einer Alternativlosigkeit der Sicht-, Lebens- und Verhaltensweisen geführt hat, so wie das Internet (Ausdruck des globalen Finanzsystems par excellence) beispielsweise nicht für eine neue Diversität der Meinungen und die Erweiterung des Wissens gesorgt hat, sondern als Bestätigungsmaschinerie des Ewiggleichen fungiert, die Differenzierung einebnet und zur globalen gedanklichen Gleichschaltung führt.
Wir werden um den Blick von Außen nicht herumkommen.
Und das bedeutet einerseits: Ausstieg aus dem System, aber auch: Ausstieg aus den Medien des Systems. Man kann die Popindustrie nicht mit Popsongs, das Internet nicht mit Blogs kritisieren, genauso wenig man die Banken mit Geld abschaffen kann.
Von solchen Binsenweisheiten abgesehen fällt beim Lesen des Bandes auch auf, dass sich sämtliche Autoren auf die gleiche jüngere Sekundärliteratur beziehen, immer dann aber, wenn es sich in Richtung „Kritische Theorie“ bewegt, sehr verhalten werden. Die „Dialektik der Aufklärung“ wird mehrfach genannt. Aber so recht mag sich auf Horkheimer und Adorno niemand einlassen. Warum nicht? Wohl am ehesten, weil sie aus einer Marxistischen Position heraus argumentierten – und das ist dann doch zu sehr „außerhalb des Systems“, als dass man es selbst damit noch einmal versuchen wollte.
Doch warum eigentlich nicht?
Begreift man Architektur als komplexes Produkt, in dem sich gesellschaftliche Produktions- und Lebensprozesse ausdrücken (einmal auf der absichtsvollen Ebene des Entwurfs, dann aber auch auf einer unbewussten Ebene bei der Fertigstellung des ausgeführten Bauwerks durch die Vielzahl unterschiedlicher Kräfte, die daran beteiligt sind), so könnte man versuchen, die Entstehung dieses Produkts in seine Bestandteile zu zerlegen. Das ist deswegen so reizvoll, weil Architektur – anders als die meisten Formen der Kunst – immer im Kollektiv entsteht, einem Interessensgeflecht, in dem der Architekt als Entwerfer nur eine von vielen Instanzen ist. Versucht man nun, die anderen Instanzen offenzulegen, so dringt man schnell zu zentralen gesellschaftspolitischen Fragen vor (die sich alle im Bauwerk abbilden): Wer ist der Auftraggeber? Woher kommt das Geld? Wie hätten die Alternativlösungen ausgesehen? Warum und von wem wurden sie verworfen? Wie viele Arbeiter waren am Bau beteiligt? Woher kamen sie? War ihr Lohn angemessen? Welche politischen Konstellationen standen im Hintergrund des Projekts? Welche Materialen wurden verarbeitet? Welche Industrien stehen im Hintergrund dieser Materialien? Hätte es Alternativen gegeben? Usf.
Würden wir diese und weitere Fragen an die Produkte der Architektur stellen, so könnten wir bald Grundzüge des Verhältnis von Geld, Macht und Bau erkennen, die bisher – vor allem von Architekten, die sich gern als „Künstler“ begreifen – meist verschwiegen werden. Von hier aus ließe sich dann die längst überfällige Wirtschaftsgeschichte der Architektur schreiben. Könnte sein, dass man dabei zu dem desillusionierenden Ergebnis kommt, dass nur selten aus Notwendigkeit, zumeist aber ausschließlich zur Kapitalakkumulation gebaut wird, mithin Architektur nichts mehr als ein Vehikel des Kapitalismus ist – immer. Vielleicht wird man dann auch feststellen, wie es zu dieser Entwicklung kam.
Eines ist sicher: der vorliegende Aufsatzband enthält wichtige Anregungen. Man kann sich nur wünschen, dass das Denken über Architektur stärker in die hier eingeschlagene Richtung geht. Und man kann sich nur wünschen, dass auch radikale Positionen gehört werden, um die „Alternativlosigkeit“ als Trugschluß zu entlarven. „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen“, sagt Adorno. Und wer glaubt, wir würden aus der ganzen Sache rauskommen, ohne dass es richtig weh tut, irrt ohnehin.

10.11.2013
Christian Welzbacher
Is There (Anti-)Neoliberal Architecture?.Hrsg.: Jeinic, Ana; Wagner, Anselm. Architektur + Analyse (3). Engl. 160 S. 80 fb. und s/w Abb. 23 x 17 cm. Pb. Jovis Verlag, Berlin 2013. EUR 24,80. CHF 35,50
ISBN 978-3-86859-217-7
 
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