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Dyckerhoff und Widmann – Zu den Anfängen des Betonbaus in Deutschland

Immer wieder flicht Knut Stegmann seinem Text die Floskel „Die Forschung hat bisher übersehen, dass“ ein, um dann seine Perspektive auf die Zusammenhänge zu erläutern. Dabei merkt man, wie wichtig und richtig die Ausgangsthese seiner gesamten Arbeit war: nämlich dass man in der Moderne Baugeschichte als Unternehmensgeschichte schreiben kann und sollte – um vollkommen neue Blicke auf die Bauten, ihre Akteure und damit auf die gesellschaftlichen Gesamtzusammenhänge zu bekommen. In seiner Dissertation „Das Bauunternehmen Dyckerhoff und Widmann“ tut Stegmann dies vorbildlich, indem er das enorme, hier bewältigte inhaltliche Pensum in kleine Portionen zerlegt und bei seiner monografisch angelegten Darstellung niemals so eng am Gegenstand ist, dass er die Kontextualisierung vergisst, d.h. über die Darstellung dessen, was sonst noch geschah erst die Besonderheit von Dyckerhoff und Widmann, aber auch die Besonderheit in der Entwicklung des Betonbaus in Deutschland herausarbeitet.
Dieses Buch ist eine Pionierarbeit. Sie ist gut lesbar, klar strukturiert, getragen von Fleiß und Akribie. Und sie ist als Buch gut gemacht, schönes Papier, solides Layout, gute Bilder, umfassender Anhang. Und noch dies: Jeder, der sich mit der Entwicklung der Architektur in Deutschland zwischen 1850 und 1920 befasst sollte es ab sofort lesen!
Zum Inhalt. Drei große Textabschnitte legt Stegmann an. Erstens die Gründungsphase der wechselseitig ineinander verflochtenen Familien-Unternehmer-Konglomerate Dyckerhoff und Söhne und Dyckerhoff und Widmann. Hier lernt man einiges über das Unternehmertum der Gründerzeit, den Import von technischem Knowhow (Betonbau war um 1860 in Frankreich und England avancierter als in Deutschland) und die Betätigungsfelder der Zeit – die erste Überraschung. Denn neben den in vielen Städten damals durchgeführten Kanalbauarbeiten, bei denen Betonröhren im großen Stil zum Einsatz kamen, tummelten sich die Fabriken für „Cementwaaren“ im Bereich der Surrogate. Man baute Bauornamente aller Art, vom Brunnen über die Skulptur bis hin zum Gesims aus Beton, indem man Stein imitierte. Fast fünfzig Jahre sollte es dauern, bis man dem Beton sein Recht auf Sichtbarkeit zuerkannte; das Material war zunächst und zuvörderst: billiger Ersatz für „Natur“. Eine für den Rezensenten neue, äußerst erhellende Erkenntnis.
Der zweite Abschnitt befasst sich mit der von Dyckerhoff vorangetriebenen Expansion des Betonbaus in den Jahrzehnten um 1900, gefolgt vom dritten Abschnitt, der am Beispiel des Unternehmens den Triumph großer Betonbauten auf allen Ebenen nachzeichnet. Stegmann gelingt es dabei zunächst darzustellen, unter welchem Innovationsdruck ein immer einflussreicheres Unternehmen wie Dyckerhoff überhaupt stand. Wichtig war – das zeigt Stegman überzeugend – dass die Firma im Deutschen Reich verschiedene Standorte unterhielt und jeweils vor Ort eng mit der Bauwirtschaft, aber auch der Lokalpolitik (Auftragsvergabe!) verbandelt war. Dann galt es, sich durchzusetzen (mitunter sogar großmäulig und mit vagen, noch gar nicht nachprüfbaren – also hochstaplerisch verkündeten - Versprechungen) gegenüber ständig neuen anderen Patenten und Konstruktionsideen (System Monier, System Hennebique usf., aber auch gegenüber der Eisen- und der Tonwarenindustrie). Dyckerhoff tat dies nicht zuletzt, indem das Unternehmen sich nur behutsam und nach eingehender Prüfung Neuerungen öffnete, entsprechend länger als die Konkurrenz in Stampfbeton baute, statt den modischen Eisenbeton einzusetzen, dem man sich erst mit erheblicher Verspätung öffnete. Erneut: Hochinteressant, wie Stegmann hier die Zusammenhänge zwischen Markt, Technik, Architekten, Bauaufgaben, Möglichkeiten beleuchtet.
Stegmanns Studie rundet ein Werkverzeichnis der Firma Dyckerhoff und Widmann ab, das zwar nicht vollständig ist (und bei einer solchen Fülle an Bauwerken auch nicht sein kann), dafür aber eine in sich schlüssige, ganz eigene Entwicklung des Betonbaus zeigt. Mit allen großen, bekannten, wichtige, Architekten hat die Firma zusammengearbeitet. Aber sie hat eben auch – durch eigene Forschung, Materialprüfung, Ingenieursarbeit – selbst die Architektur vorangebracht, sodaß man Dyckerhoff und Widmann nicht nur als Bauunternehmen, sondern als Kreativposten, als Akteur und Gestalter der Konstruktions- und Baugeschichte begreifen muß. Es ist dieser der Arbeit zugrunde liegende Perspektivwechsel, der vielleicht das Anregendste und Wichtigste an Knut Stegemanns so vielseitiger Arbeit ist. In diesem Sinne könnte man sogar noch weitergehen und sagen: Stegemanns Buch bietet die überfällige Anregung, die kunsthistorische Meistererzählung, die die Architekturentwicklung der Moderne bis dato prägt, fortan endlich vom Kopf auf die Füße zu stellen.

2. Mai 2014

Christian Welzbacher
Stegmann, Knut. Das Bauunternehmen Dyckerhoff & Widmann. Zu den Anfängen des Betonbaus in Deutschland 1865–1918. 2012. 470 Abb. 27 x 22 cm. Gb. EUR 68,00. CHF 89,00
ISBN 978-3-8030-0753-7   [Wasmuth]
 
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