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BETON – Material und Idee im Kirchenbau,

Bereits das Cover bringt sehr treffend das Unbehagen auf den Punkt, das noch immer vielen nicht nur religiösen Bauten aus Sichtbeton entgegenschlägt: Der getreppte, unregelmäßig Ausschnitt um ein Betonkruzifix im Außenbereich ist mit Blumenkübeln vollgestellt. Diese “Verschönerungsmaßnahme” von St. Konrad in Schaffhausen des Architekten Walter M. Förderer (1971), kann man als Versuch verstehen, die “emotionale Distanz zu den Kirchen” aus Sichtbeton zu überwinden, die Thomas Erne in seiner Einleitung konstatiert.
Der kleine Band ist das Ergebnis einer interdisziplinären Tagung über Betonkirchen in der Nachkriegsmoderne, die das EDK-Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart der Philipps-Universität Marburg veranstaltet hatte. In ihren Aufsätzen widmen sich die Autoren verschiedener Fragestellungen zum Material Beton. So nähert sich Klaus Jan Philipp in seinen “Anmerkungen zur Reputationsgeschichte eines Baumaterials” dem Beton historisch und zeichnet die Entwicklung des Betonbaus in Deutschland anhand von markanten Beispielen nach. Thomas Erne verfolgt eine ähnliche Herangehensweise mit der Frage nach dem Beton im Kirchenbau der Moderne.
Wie ein roter Faden zieht sich dabei die zwiespältige Rezeption der ambivalenten Materialeigenschaften des Betons – des “flüssigen Steins” (Fuhrmeister, S. 20) – mit unterschiedlichen Implikationen wie ein roter Faden durch die gesamte Publikation.
Jörg Probst geht in seinem einleitenden Aufsatz einer Ideengeschichte des Materials nach und untersucht dabei die Schrift “Die Formenwelt des Religiösen. Grundriss der systematischen Religionswissenschaft” des Marburger Theologen und Religionswissenschaftlers Kurt Goldammer. Trotz der Tatsache, dass Goldammer in seinen Beschreibungen religiöser Objekte und Kunstwerke die Wissenschaftssprache aus Physik und Chemie der 1960er Jahre verwandte, blieb in seinem 1960 erschienenen Werk die moderne Baukunst vollkommen ausgeklammert. In der Architektur seiner Zeit und besonders im Baustoff Beton sah Goldammer ein Gleichnis für den “rapiden Form- und Gestaltwandel unserer Zeit”, die er als Bedrohung des Glaubens interpretierte. Die Formlosigkeit des Betons, seine “Unnatürlichkeit” sowie die Tatsache, dass der Charakter des Betons letzlich seine Charakterlosigkeit sei (Probst, S. 14), gerinnen hier zum Symbol für den Verlust der Glaubensfestigkeit. Andere Publikationen der Zeit, die Probst hinzuzieht (auch in seinem zweiten Beitrag, S. 73ff.), sehen das naturgemäß ganz anders: So etwa der Band “Beton – Fundamente, Formen, Figuren” von Hans F. Erb und Rudolph Semler, der 1960 im Beton-Verlag erschien. Die Autoren sehen die Wandelbarkeit und Anpassungsfähigkeit des Betons gänzlich positiv, als adäquaten Ausdruck ihrer Zeit. Das breitangelegte Panorama an Baugattungen schließt neben Verkehrs-, und Industriebauten auch ganz selbstverständlich Sakralbauten mit ein.
Christian Fuhrmeister untersucht die politische Materialikonographie des Betons. Der Bedeutungsgehalt sei bei einem künstlichen Material wie dem Beton ungleich komplexer als bei Naturstein. Als Beispiel für eine politisch eindeutige Materialikonographie, die zudem positiv rezipiert wurde, nennt Fuhrmeister das Märzgefallenen-Denkmal von Walter Gropius (1922), dessen Betonoberfläche allerdings durch eine explizit handwerkliche Bearbeitung in die jahrhundertealte Steinmetztradition eingebunden zu sein scheint. Der “Ortlosigkeit” und “Traditionslosigkeit” des Materials (S. 19), das sich in Opposition zum Naturstein befand, wurden ab den 1920er Jahren vorallem in Deutschland und Frankreich in der Rezeption thematisiert. In Deutschland herrschten besonders zwei konträre Lesarten vor, die einmal den Beton als “international” konnotierten und “undeutschen” künstlichen Stein interpretierten und auf der anderen Seite dagegen die hundertjährige deutsche Tradition der Betonverarbeitung herausstellten und das Material somit als rein “nationalen” Werkstoff charakterisierten. In Frankreich wurde ab 1925 der Versuch unternommen, den zuvor abenfalls als international rezipierten Stahlbeton der Kirche Notre Dame du Raincy (1923) von Auguste Perret verstärkt in eine nationale Lesart zu überführen. Dazu wurde die rauhe Betonoberfläche mit Granitkirchen in der Bretagne verglichen (S. 20). Bunker und Flaktürme repräsentieren die negative Seite des Materials Beton; Begriffe, die sich im Sprachgebrauch tief verankert haben und seit den 1980er Jahren als Synonyme für eine generelle Ablehnung der Moderne lesen lassen, wenn etwa Gebäude abwertend als “Betonklötze” oder “Betonbunker” abgewertet werden.
Dass das Bunkermotiv im Sakralbau während der 1950er und 1960er Jahre durchweg positiv besetzt war, stellt Frank Seehausen in seinem Beitrag heraus. Ausgehend von Hans F. Erbs Charakterisierung des Kirchebaus seiner Zeit als “Zelt und Bunker Gottes” (1960) bietet Seehausen einen guten Überblick über die wichtigsten Sakralbauten der Nachkriegsmoderne und ihre historischen Hintergründe, die sich explizit mit der Bunkerthematik auseinandersetzen. Statt Ablehnung zu provozieren versprachen die massiven Bauten zunächst Schutz und Zuflucht in einer unsicheren Zeit. Ausgehend von Le Corbusiers Kirche in Ronchamp schlägt Seehausen einen breiten Bogen über Sainte-Bernadette-du-Pray von Claude Parent und Paul Virilio, dessen fast obsessive Beschäftigung mit den Bunkeranlagen des Atlantikwalls sich auch in seiner Architektur niederschlug, bis zur Versöhnungskirche auf dem Gelände des ehemaligen KZ-Dachau von Helmut Striffler (1967). Die Tatsache, dass in Düsseldorf-Heerdt ein ehemaliger Hochbunker (1940) ab 1947 in die Kirche St. Sakrament umgewandelt wurde, zeigt erneut, dass es in der Nachkriegszeit fast keine Berührungsängste zwischen Bunkerarchitektur bzw. Sichtbeton und Sakralbauten zu geben schien.
Den Sinneswandel ab den 1980er Jahren dokumentiert Wilhelm Hammann anhand der Kirche in Sarnau. Das oberhessische Dorf im Landkreis Marburg-Biedenkopf leistete sich in den 1960er Jahren eine neue Kirche, die der Architekt Berthold Himmelmann ganz dem Zeitgeist verpflichtet in Sichtbeton ausführte. Im Zuge einer Sanierungsmaßnahme wurde der Bau jedoch mit Schiefer verkleidet und damit an die umgebende Fachwerkbebauung angepasst.
Auch wenn man sich einige Beiträge ausführlicher gewünscht hätte, da Vieles in der Kürze nur angerissen werden konnte, so bietet der kleine Band auch durch seinen recht üppigen Abbildungsteil einen guten Ausgangspunkt, um intensiver in die Thematik von Beton im Sakralbau einzusteigen.

03.07. 2014
Elmar Kossel
KBI 05 | Beton. Idee und Material im Kirchenbau. Hrsg.: Erne, Thomas, EKD-Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart. 112 S. teils fb. Abb. 20 x 20 cm. Pb. Jonas Verlag, Marburg 2014. EUR 20,00. CHF 28,90
ISBN 978-3-89445-488-3
 
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