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Real Estates. Life without debt - Substraction

Vor einigen Jahren veranstaltete das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt eine große Überblicksausstellung zum Bauen in den Neuen Bundesländern. An den Wänden hingen Bilder beeindruckender Projekte, im Raum standen ihre Modelle. Allerdings war der Fußboden der Räume mit einem merkwürdigen Papierteppich versiegelt, auf dem ganz andere Dinge zu sehen waren: „Schattenarchitektur“, gebaut und geplant ohne Architekt, ohne Gestaltung, grauenhafte Dinge, vom Büro- bis zum Reihenhaus. Das war die Kehrseite des Aufbau Ost, der nackte Horror, Bruttogeschoßfläche (BGF) in ihrer brutalsten Form: das einzig wahre „Betongold“. Und die Ausstellungsbesucher wateten förmlich durch diesen Sumpf.
Die Diskrepanz zwischen dem Wunschbild von baukünstlerisch gestaltetem Umfeld und eingehauster BGF, zwischen kreativem Mehrwert und Nettoreingewinn, zwischen Kultur und Real Estate ist auch der Ausgangspunkt zweier unlängst erschienener Publikationen, die zum lesenswertesten gehören, was über Architektur im Zusammenhang mit der Großen Krise geschrieben worden ist.

Für die Londoner Architetectural Association (AA) hat das Editorenteam „Fulcrum“ den kompakten Band „Real Estates. Life without debt“ herausgegeben. 15 Texte, knappe Essays und kurze Interviews gemischt, stecken den Horizont ab, unter denen heute 99 Prozent der Architektur produziert wird – und das wohl weltweit, obwohl der Fokus vor allem auf England und Amerika gerichtet ist. Die Vorgaben machen die Investoren, die Ausführenden sind Bauunternehmen. Beide sind europa-, ja weltweit agierende Konsortien, die im Verbund mit global vernetzten Banken agieren. Was sich als Ergebnis aus diesen Abstimmungs- und Optimierungsprozessen (bei der die Politik oft nur hinterhernicken kann oder will) materialisiert ist nicht etwa ein „Haus“, sondern wiederum nur Teil der Finanzkonstruktion, die – wie die Spitze des Eisbergs – plötzlich auftaucht: als Lockvogel für „Kunden“, deren Kapital gebunden werden soll, indem sie den Eisberg kaufen oder (noch besser) sich für diesen Kauf verschulden. Da die meisten Häuser bereits von Seiten des „Developer“ auf Pump entstehen generiert Real Estate eine ganze Schuldenkette.
Soweit so schön so traurig. Was aber sollen wir tun? Man kann immer aussteigen. Oder man kann die Anti-Haltung kultivieren, wie dies in Deutschland so wunderbar Arno Brandlhuber tut, der mit seinen Projekten große Erfolge feiert. Oder man kann die Mechanismen des Marktes unterlaufen, indem man sich ihrer bedient. Dies ist das erklärte Credo von Fulcrum, wobei es im Rahmen der vorliegenden Publikation eher bei dem pfiffigen Versprechen bleibt, das an anderer Stelle eingelöst werden muss. Wenn es auch nicht gleich zur explizit erhofften Revolution kommt, dürfte der Band doch bei den Lesern ein Bewusstsein schaffen, unter welchen Bedingungen Architekten heute überhaupt arbeiten.

In diesem Sinne argumentiert auch Keller Easterling in ihrem Essay „Subtraction“, einer wunderbaren Ergänzung zu „Real Estates“. Sie versucht gleichsam auf dem Umweg über die Negativität ins Positive zu gelangen (weil ja Minus Mal Minus zum Plus wird), indem sie den Abriss als Mittel der Bereinigung falscher Entwicklungen propagiert, ganz im Sinne eines politischen Interventionismus. Die schwingende Abrissbirne und die fliegenden Brocken stehen zeichenhaft für das Falsche, das geräumt werden muß: aus Gründen des Umweltschutzes, der demographischen Realitäten und um zu einem „echten“ Wachstum zu gelangen, das von den mächtigen Märkten des Real Estates entkoppelt ist.
In der Realität ist von den hier veröffentlichten Ansätzen nichts zu spüren – im Gegenteil. Hedgefondsmanager kaufen ganze Städte auf und strukturieren sie neu; in New York und London entstehen Hochhäuser mit Luxusapartments als Dritt- und Viertwohnsitz für die Krisengewinner dieser Erde; Menschen verschulden sich weiter für „ihr“ Eigenheim; und die Banken sind alles, bloß nicht reguliert. So mag man die hier angezeigten Publikationen als naiv und drollig verlachen. Aber man kann es auch wohlwollend sehen. Die Krise hat dazu geführt, dass eine kleine Gruppe von Kreativen nach Alternativen sucht. Ob sie jenseits des Marktes eine Existenzberechtigung entfalten können oder ob der Markt sie absorbiert und als „Alternative“ vermarktet – das werden wir sehen.

01.03.2015

Real Estates: Life Without Debt. Edited by Fulcrum (Jack Self & Shumi Bose). Text: Pier Vittorio Aureli, Neil Brenner, Mark Campbell, Mario Carpo, Keller Easterling, Ross Exo Adams, Peer Illner, Sam Jacob, Roberta Marcaccio, Jack Self, Brett Steele, Urban-Think Tank, Wouter Vanstiphout, Eyal Weizman, Finn Williams. Englisch. 2014. 156 S. 17 x 11 cm. Br. Bedford Press, London WC 1B 3ES £10 ISBN 978-1-907414-37-4
Zu beziehen unter www. aabookshop.net E-Mail. bookshop@aabookshop.net

Christian Welzbacher
Keller Easterling. Subtraction. Critical Spatial Practice 4. Hrsg.: Nikolaus Hirsch, Markus Miessen. Featuring artwork by Metahaven. Englisch. 2014. 112 S., 15 meist fb. Abb. Br. Sternberg Press Verlag, Berlin EUR 15,00
Zu beziehen: mail@sternberg-press.com

ISBN 978-3-95679-046-1
 
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