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Kopfgeburten ‚Äď Architekturreportagen aus der Volksrepublik Polen

Der seit 1990 die polnische Gesellschaft bestimmende, nun √∂konomisch begr√ľndete Individualisierungsproze√ü widerspiegelt sich architekturgeschichtlich in immer h√§ufigeren Blicken auf Architekten wie Oskar Hansen (Helsinki 1922, Warschau 2005). Ein Architekt, der in Plattenbauzeiten einen ‚ÄěOffenen Modernismus‚Äú forderte und beim Planen von Wohnungen die individuellen W√ľnsche k√ľnftiger Bewohner und ihr Umfeld mit einbezog. Und so in diesen Reportagen zum spiritus rector Filip Springers wird.

Mit Hansens realisierten Projekten, seinen Kopfgeburten, Visionen, Tr√§umen, den hier vielleicht utopischsten, wird dies Buch auch zu einer Hommage auf alle jene hier vorgestellten polnischen architektonischen Vision√§re, deren Projekte scheitern, umgearbeitet werden oder gelingen, trotz mi√ülicher materieller Voraussetzungen und ideologischer Vorgaben. Doch wir sind in Polen, wo zu Stalins Zeiten ein bekennender Antikommunist die Zentrale der Geheimpolizei in Warschau entwerfen und bauen kann. Hier weitet sich der Blick zum Unterbau der Architektur der sich, Interviews mit Architekten und ihrem Umfeld zeigen es, als Kosmos an Beziehungsgeflechten, B√ľndnissen, Zerw√ľrfnissen, verletzten Eitelkeiten, politisch und architektonisch √§hnlichen und kontr√§ren Positionen, Siegen und Niederlagen erweist, vom Autor meist unkommentiert. Was der Leser als Aufforderung zur Meinungsbildung ebenso goutieren lernt wie Springers gelegentlich aufflackernde Sprachphantasie als komplement√§r zu den hier dokumentierten architektonischen Visionen.

Viele der hier vorgestellten realisierten Wohn- und Funktionsbauten aus der Zeit vor 1990 geraten auch mit dem danach genutzten bekannten Instrumentarium baulicher Erneuerungen ins Bild: Abri√ü (das beispielhaft modernistische Kaufhaus Supersam, Warschau, 1962/2006; der Kattowitzer Bahnhof, 1972/2011), sanierte Fortexistenz (der Warschauer Bahnh√∂fe dank der Finanzkrise 2007) und erk√§mpfte gelungene Sanierung (Mehrzweckhalle, Ufo-√§hnlich, Kattowitz 1964-71; Wetterstation auf der Schneekoppe, 1967-74). Womit in diesem ausgezeichnet √ľbersetzten Buch auch der geographische Fokus benannt ist, den man sich um Polens Mitte und Norden erweitert und um herausragende Beispiele von nach 1945 gebauten (3600) Kirchen erg√§nzt gew√ľnscht h√§tte.

Doch √ľberzeugt Springers fachlich-inhaltlich phantasievoll-weitsichtiges und zugleich kritisches Pl√§doyer f√ľr hierzulande kaum bekannte Vision√§re polnischer Architektur. Zudem √ľberrascht der Autor mit einem gekonnt umgesetzten journalistischen Ansatz mit dem er, selten genug, jedem Leser lebendig geschriebene Architekturgeschichte offeriert. Womit dies Buch in der ‚ÄěGrundlagen‚Äú- Reihe des Verlages ebenso ein Solit√§r ist wie viele jener architektonischen Visionen, die es dokumentiert. Gratulation.

22.01.2016
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
Kopfgeburten. Architekturreportagen aus der Volksrepublik Polen. Springer, Filip. √úbersetzung aus dem Polnischen. 272 S. 100 Abb. 23 x 21 cm. Pb. DOM Publishers, Berlin 2015. EUR 28,00. CHF 38,50
ISBN 978-3-86922-353-7
 
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