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Joseph Ramée (1764-1842). Gartenkunst, Architektur und Dekoration

Daß Joseph Ramée ein internationaler Architekt war, und wie international er war, war in Umrissen bekannt: 1780 sehen wir ihn als Mitarbeiter im Pariser Baustab des Charles Philippe Comte d'Artois, Bruders Louis XVI., um 1790 entwirft er ein orientalisches Zelt für den großen Exzentriker William Beckford, Autor des "Vathek", und ist gleichzeitig Prernier lnspecteur du Décor für die Festbauten zum ersten Jahrestag des 14. Juli auf dem Marsfeld.
Ramée flieht aus Frankreich in die Niederlande, wird 1 Hilfsoffizier unter Dumouriez und entkommt nach dessen Niederlage nach Thüringen. Hier liefert er Zeichnungen für den Ilmpark und das Römische Haus in Weimar, scheint in Meiningen an Gartenbauten beteiligt gewesen zu sein, möglicherweise auch in Gotha am Park mitzuwirken. 1796 läßt er sich in Hamburg nieder, schafft ein Dutzend holsteinischer und dänischer Gartenanlagen. zum Teil auch deren Herrenhäuser und baut wohl Hansens Landhaus Abbema an der Elbchaussee in ein Restaurant um. Um 1802 entsteht sein bekanntestes Bauwerk, die Flamburger "Börsenhalle". In Paris folgt 1811 der Grundentwurf für Bürohäuser der Kaiserlichen Lotterie. Durch den Großgrundbesitzer David Parish wird Ramée in die USA berufen, errichtet dort aber auch den Universitätskampus von Schenectady im Staate New York. Bereits 1816 kehrt er in seine belgische Heimat, in die Ardennen, zurück, geht von hieraus nach Paris, wieder nach Hamburg zurück und stirbt 1842 auf einem Schloß bei Noyon, das sein Schwager erworben und umbauen lassen hatte. Dieser wohl polyglotteste Lebenslauf eines klassizistischen Architekten quer durch Staaten und Regime könnte zu dem Schluß verleiten, der Staats- und Repräsentationsarchitekt Ramée habe sich bleibende Denkmäler genug gesetzt, um an seinen Wirkungsstätten eine bekannte, wenn nicht gar gefeierte Größe zu sein. Das Gegenteil ist der Fall.
Die biographische Überlieferung an Quellen ist dürftig. Paul V. Turner, der ausgewiesene Kenner, nennt 20 Briefe, eine Petition, in der er darum bittet von der Liste französischer Emigranten gestrichen zu werden, kurze biographische Artikel. Um so erstaunlicher ist das Panorama, das der Altonaer Katalogband nun vor uns ausbreitet: Werner Szambien analysiert die Frühzeit Ramées anhand des Hauses Berthault, des einzigen erhaltenen Bauwerks in Paris, das zudem zu den ganz wenigen erhaltenen Mietshäusern des Jahres 1789 gehört. "im Grunde ist dieses Wohnhaus modern, perfekt und stellt sich so als Modell, als ein Lehrstück dar." Es zeigt die klassische geschoßweise laufende Balkonbrüstung und die eben in Mode kommende Bogenhinder-Konstruktion des Dachstuhls (,‚Halbtonne"). /
Andreas Beyer weist erstaunlicherweise lnnenraumentwürfe Rames für das Römische Haus in Weimar nach, die aber nicht zur Ausführung kamen. Damit wäre der Architekt also auch für den Musenhof unter Goethes Bauaufsicht tätig geworden. Zur persona grata wurde er in Hamburg, wo er nicht weniger als acht Landschaftsgärten überformte oder entwarf. Ihnen geht Ingrid A. Schubert nach. Baurs Park dürfte der bekannteste sein. Hier entfaltete Ramée auch seine architektonische Vielfalt, von der leider so gut wie nichts erhalten geblieben ist: Als Paradoxie der Geschichte kann man es betrachten, dass Julia Berger als letztes Partikel des einst großen Œuvres ausgerechnet das überkommene Gärtnerhaus des Elbchaussee-Grundstücks von Salomon Heine ausmacht, das bescheidene Relikt jenes Großgrundbesitzes in Ottensen, den der Neffe Heinrich (Harry) anläßlich seiner legendären "Wintermärchen-Reise" 1844 zuletzt sah. Als kleine Sensation ist es zu werten, dass Julia Berger nun aber einen der Heineschen Landsitze an der Elbe im heutigen Gebäude des "Institutes für Schiffsbetrieb, Seeverkehr und Simulation" (kurz „ISSUS") erhalten glaubt. Man braucht kein Romantiker zu sein, um zu hoffen, dass sich dies erhärten läßt.
Die Panoramen, die der oldenburgische Hofmaler Ludwig Philipp Strack Von Baurs Garten malte, untersucht Bärbel Hedinger, wobei sie dessen gartengestalterisches Feingefühl herausarbeitet. Sylvia Borgmann geht den Spuren Ramées "im Gelände" nach, Kulissen- und Bühnenhaftes heraus modellierend. in den Kreis der dichterisch nicht sonderlich bedeutenden, mäzenatisch aber groß angelegten Friederike Brun führen die dänischen Spuren Ramées, die Maragarethe Floryan nachzeichnet. Und Ramée in Amerika? Ein Triumphbogen für George Washington in Baltimore und Baurisse der "Highschool-Gebäude" von Schenectady bezeugen den hohen Standard, den Ramée auch dort aufrecht erhalten konnte.
Die amerikanischen Aktivitäten hamburgischer Kaufleute waren es, die ihn einst in die USA gezogen haben. Und so liegt es nahe, wenn Hanseatisches zum Thema Hamburg-Amerika den Band beschließt.
Jörg Deuter
Joseph Ramée (1764-1842). Gartenkunst, Architektur und Dekoration. Ein internationaler Baukünstler des Klassizismus. Katalog-Handbuch zur Ausstellung im Jenisch Haus Hamburg, 15.6.-7.9. 2003. Hrsg.: Hedinger, Bärbel /Berger, Julia. 2003. 208 S. 120 sw. u. 16 fb. Abb. 25 cm. Pb Deutscher Kunstverlag, München 2003. EUR 38,-
ISBN 3-422-06436-2
 
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