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Wie kam das Wasser auf die Burg?

Brunnen bildeten neben Zisternen auf Burgen des Mittelalters und Bergvesten bis ins 17. Jahrhundert einen wesentlichen Bestandteil der Wasserversorgung. Sie stellt die Grundvoraussetzung für das Leben der Bewohner dar. Trotz ihrer Bedeutung und häufig wegen der exponierten Anordnung und des Untergrundes der Burgen gehörte die extrem schwierige und aufwendige Sicherstellung der Wasserversorgung lange zu den weniger erforschten Gebieten. So wird noch in der 2001 erschienenen, als verbesserter und erweiteter Nachdruck der 1912 von Otto Piper in 3. Auflage herausgegebenen „ Burgenkunde – Bauwesen und Geschichte der Burgen“ mit einem Umfang von 711 Seiten deren Wasserversorgung auf lediglich 8 Seiten beschrieben. Die aufgrund umfangreicher einschlägiger Untersuchungen von einem Fachmann und ausgewiesenen Burgenkenner vorgelegte aktuelle Veröffentlichung leistet einen wichtigen Beitrag zu diesem Spezialgebiet.
Der Verfasser beschäftigt sich zunächst im ersten Teil des Werkes mit den Grundlagen, dem lebensnotwendigen Bedarf an Wasser für Mensch und Tier, an Brauch- und Feuerlöschwasser auf Burgen, der Wassergewinnung aus Schachtbrunnen, der Sammlung von Niederschlägen in Zisternen, der Zuleitung und dem Transport von Oberflächenwasser aus erschließbaren Fließgewässern und Quellen. Er weist dabei auf die sich ab etwa Ende des 15. Jahrhunderts ergebende völlig neue Situation hin, als infolge des Wandels der Waffentechnik die Burg ihre klassische Aufgabe als Wehrbau sowie Zufluchtstätte verlor und ihre weitere Nutzung als Wohnstätte oder Bergveste häufig nach Umbau und Erweiterung weit höhere Anforderungen auch an die Wasserversorgung stellte. Von den durch ihn erfassten 49 Burgbrunnen mit Tiefen von 60 m bis nahezu 200 m sind nach derzeitigem Erkenntnisstand nur 12 vor Ende des 15. Jahrhunderts errichtet worden. Der Schwerpunkt der tief angelegten und noch weiter vertieften Brunnen hat im 16./17. Jahrhundert gelegen. Auf Bergvesten wurden ab dem 16. Jahrhundert vermehrt aufwändige und teilweise stark unterhaltungsintensive Wasserleitungen und Wasserkünste zur Wasserhebung gebaut.
Im zweiten Teil des Buches werden anhand von Beispielen die Wahl der Brunnenstandorte, die Methoden des Abteufens und der Auskleidung der Brunnenschächte, die dabei verwendeten Werkzeuge, Geräte und Hebezeuge, die Bewetterung, Wasserhaltung und Wasserfassung, weiterhin die Wasserförderung bis zu den Bau-, Reparatur- und Betriebskosten geschildert.
Der dritte, umfangreichste Teil der Veröffentlichung ist der Darstellung von 16 ausgewählten Beispielen für die Wasserversorgung von Burgen in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und der Stadtburg des Papstes in Orvieto gewidmet.
In Orvieto, nordwestlich von Rom, wurde einmalig eine ursprünglich von Leonardo da Vinci erdachte städtebauliche Idee zur Nutzung einer außerhalb vom Umfang des Brunnenschachtes in das umgebende Gestein geschlagenen doppelläufigen Wendeltreppe verwirklicht. Auf diese Weise konnte das Wasser in Schläuchen von Eseln auf- und absteigend ununterbrochen und quasi kontinuierlich transportiert werden.

An dem besonders ausführlich dokumentierten Beispiel des Brunnens in der Veste Otzberg, am nördlichen Rand des Odenwaldes, Wohnort des Verfassers, werden die bei breit angelegten Untersuchungen des Schachtes eingesetzten Methoden, die zunächst durchgeführten Grabungen, Kamera- und Schachtbefahrungen, Schachtberäumung sowie Ansätze zur Datierung und Deutung der auf den zur Schachtauskleidung verwendeten Sandsteinquadern angebrachten Steinmetz-/Urheberzeichen geschildert.
Das Buch ist für den bautechnisch, wasserbaulich, burgenkundlich, grabungstechnisch und allgemein historisch interessierten Leser gleichermaßen aufschlussreich.
Das gleiche Fachgebiet behandelt eine weitere Veröffentlichung der Frontinus-Gesellschaft e. V. Der Band enthält die auf dem 2005 stattgefundenen Internationalen Frontinus - Symposium 2005 „Wasserversorgung auf Burgen des Mittelalters“, veranstaltet von den Herausgebern des Tagungsbandes in Verbindung mit dem Europäischen Burgeninstitut, dem Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz e.V., dem Verein zur Förderung der Burg und sonstiger Kulturgüter in der Gemeinde Blankenheim e.V. und der Gemeinde Blankenheim/Ahr, gehaltenen Vorträge.
Nach einem Vorwort des Leiters des Rheinischen Amtes für Bodendenkmalpflege im Landschaftsverband Rheinland folgt eine Einführung in „Die Wasserversorgung auf mittelalterlichen Burgen“. Unter der Hauptüberschrift „Wasser für Burg Blankenheim“ befassen sich 9 Beiträge mit der Wasserleitung der Grafen von Blankenheim, Kleinfunden aus der mittelalterlichen Quellfassung bei Blankenheim, der dendrochronologischen Datierung und Lokalisierung der Blankenheimer Holzrohrleitung (mittleres bis spätes 17. Jahrhundert), mit der Herstellungstechnik und metallurgischen Analysen der eisernen Deichelringe, den Verbindungen der Holzrohre, einem Staudamm aus der frühen Neuzeit bei Blankenheim und Lederfunden sowie Untersuchungen zur Wasserversorgung der Burg Blankenheim. Unter der weiteren Hauptüberschrift „Wasser für die Burg -Europa und Vorderasien“ sind insgesamt 19 Artikel u. a. über die Wasserversorgung von Burgen am Mittelrhein, die Wasserversorgung der Kaiserpfalz Ingelheim, der Burgen Schössel/Klingenmünster, Frankenstein und Spangenberg/Pfälzerwald, auf Burgen der Sächsischen und Böhmischen Schweiz, im Südosten der Oberpfalz sowie von mittelalterlichen Burgen in der Schweiz, in der Südost-Ägäis (Griechenland) und auf Kreuzfahrerburgen im Süd-Libanon, Syrien, Israel, Jordanien und der Türkei zusammengefasst. Weitere Beiträge widmen sich dem Forschungsstand über Filterzisternen und Zisternen mit Wasserreinigung auf Burgen im mitteldeutschen Raum sowie im Elsass.
Schließlich ist der Vortrag vom Verfasser des zuerst rezensierten Buches über „Aspekte zum Bau mittelalterlicher Burgbrunnen“ abgedruckt.
28.8.2009
Wasser auf Burgen im Mittelalter. Hrsg. v. Frontinus-Gesellschaft e.V. (Gesch. d. Wasserversorgung 7). 1. Auflage 2007. 360 S., 87 sw. u. 206 fb. Abb. 23,5 x 21,7 cm. Philipp v. Zabern, Mainz 2007. Gb EUR 39,90 ISBN 978-3-8053-3762-5
Wolfram Such
Axel, Gleue: Wie kam das Wasser auf die Burg? Vom Brunnenbau auf Höhenburgen und Bergvesten. 1. Auflage 2008. 287 S., 17 sw. u. 18 fb. Abb., 105 histor. Ansichten, 19 Grundr., Zeichn. u. Diagr. 24 x 17 cm. Pb Schnell & Steiner, Regensburg 2008. EUR 24,90
ISBN 978-3-7954-2085-7   [Schnell & Steiner]
 
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