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Das Kolosseum. Bewundert, bewohnt, ramponiert

Erik Wegerhoff belegt in seiner Zeitreise vom Bau des Kolosseums im ersten Jahrhundert n. Chr. bis zur Einigung Italiens 1871 mit Dokumenten, Reise-Berichten und graphischen Abbildungen die beiden Hauptfunktionen dieses Amphitheaters: Objekt zur Legitimierung politischer Macht (der kaiserlich-römischen Erbauer, römischer Adeliger, der Päpste, deutsch-römischer Kaiser, italienischer Ministerien) und konstitutives Element italienisch-europäischer Kulturgeschichte (Renaissance, Ruinenromantik). Das Geschichtsbild vieler Leser dürfte durch diese Reise in die Vergangenheit partiell neu akzentuiert werden, erweist sich doch der vermeintliche Leidensort früher christlicher Märtyrer in diesem Buch als noch heute mit einem jährlichen päpstlichen Gottesdienst gepflegte gegenreformatorisch implantierte Legende. Und es ist die römische Kurie, die um 1800 auch hier die 40 Jahre zuvor begonnene Mutation antiker Gebäude vom Funktions- zum purifizierten touristischen Anschauungsobjekt fördert. Ihr Hilfsmittel dabei: Die sich etablierende Wissenschaftsdisziplin Archäologie, die sich nun auch am Kolosseum am Entfernen von optisch prägendem Naturbewuchs, Um- und Einbauten, Ergraben von Fundamenten übt. Jahrhundertelang (jeweils überzeugend skizzierter) Ort von Gladiatorenkämpfen, adelige Festung, Magazin, Räuber-Unterschlupf, Mist-Lagerplatz, Kult-Objekt ruinenromantikbegeisterter Italienreisender (natürlich:Goethe) und Platz für eines Eremiten Kirchlein, wird der nun aller natürlichen und historischen Beschichtungen beraubte, nackte Bau zum Objekt der Empörung vieler Zeitgenossen. Der Alt-Römer Ferdinand Gregorovius ist zornig: Sein zum neuen Aussehen des Kolosseums apodiktisch formuliertes Verdikt aber lässt uns diese neue Sicht nicht wie bisher als bloßen Perspektivenwechsel auf das Objekt begreifen, sondern als historisch-ästhetischen Epochen- und Kontinuitätsbruch. Denn hier werden, an einem exemplarischen antiken Bauwerk, Momente der Genese noch unserer heutigen, aufklärungsbedingten An-Sichten auf Restaurierungen und Rekonstruktionen architektur-historisch fixiert – das größte Verdienst dieser Arbeit. Und eine Brücke zur Gegenwart, auch Publikums-Reflexionsofferte, vom Autor zur Formulierung zwiespältiger Empfindungen ohne eigene Standortbestimmung genutzt, schade. Nicht wenige Wiederholungen, (deshalb ?) fehlende kurz-konzise Kapitel-Zusammenfassungen nehmen dieser überarbeiteten Dissertation viel von der durch ihre klare Struktur gewonnenen Kompaktheit, ja Eleganz. Auch ist der gewählte Zeitrahmen nicht begründet, Mussolinis 1932 durch die Via dell` Imperio/Via dei Fori instrumentalisiertes Kolosseum erinnert daran. Und auch nur kurze Hinweise auf andere mediale Objekt-Annäherungen (wie die in den „Sandalenfilmen“ 1950 bis 1965) hätten den Gegenwartsbezug verstärken können.
Gleichwohl: Pflichtlektüre für Architekturhistoriker, bietet Wegerhoffs Buch zugleich einem breiten Publikum am Beispiel des Kolosseums neben anschaulich-lesenswert präsentierter Stadt- und Kulturgeschichte ein historisch begründetes Reflexionstableau für unsere Sicht auf Restaurierungen und Rekonstruktionen gebauter Vergangenheit.

01.07.2012
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
Wegerhoff, Erik. Das Kolosseum [Rom]. Bewundert, bewohnt, ramponiert. 240 S. Gb. Wagenbach Verlag, Berlin 2011. EUR 24,90. CHF 35,50
ISBN 978-3-8031-3640-4
 
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