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Das Verschwinden der Revolution in der Renovierung

1926 wurden die Einfamilien-, bzw. Reihenhäuser der Siedlung Dessau-Törten für eine rasant wachsende Zahl an Arbeitern der Junkers-Werke gebaut. Die Siedlung Törten zu bauen, um Angehörigen der unteren Mittelschicht den Erwerb von Grund- und Hauseigentum zu ermöglichen war ein Auftrag der Stadt Dessau an den Bauhaus-Direktor Walter Gropius. Zwischen 1926 und 1929 entstanden 314 Häuser für 314 Besitzer, die ihre Bauten im Laufe der Jahre ihren Vorstellungen und Möglichkeiten entsprechend gestalteten, sie aber auch aus- und umbauten.

Die Veränderungen der Häuser der Gropius-Siedlung in Dessau-Törten sind so weitreichend, dass ihr ursprünglicher Zustand anhand historischer Fotos nur noch zu erahnen ist. Dennoch gibt der vorliegende Bildband einen überzeugenden Eindruck, was mit Siedlungshäusern geschieht, in denen Menschen leben, deren Lebensbedingungen sich über 80 Jahre lang radikal verändert haben.

Nach drei Formen höchst unterschiedlicher Staatssysteme, diversen Moden des Bauens und Wohnens und nicht zuletzt mit dem Aufkommen von Baumärkten ist unter dem Zugriff von zwei oder drei Generationen von dem ästhetischen Minimalismus und der ursprünglichen Einheitlichkeit der Siedlung nicht viel übrig geblieben. Dennoch steht die Siedlung zu Recht und schon seit den späten 1970er Jahren unter Denkmalschutz und noch zu DDR-Zeiten begann man mit Rekonstruktionen, die allerdings nicht den ursprünglichen Bauten entsprachen und nur aufgrund von Vermutungen durchgeführt wurden.

Dennoch steht die bauhistorische und künstlerische Bedeutung der Siedlung außer Frage. „Es sind Mosaiksteinchen, aus denen sich Kenntnisse über den bauzeitlichen Zustand der Häuser, ihren Ausstattungsstandard und ihre architektonische Erscheinung gewinnen und überprüfen lassen“ meinen die Autoren Reinhard Matz (Fotografie) und Andreas Schwarting (Text).

Ausführlich zeigt der Bildband vergleichend historische und aktuelle Fotos zahlreicher Straßenzüge und einzelner Bauten der Siedlung sowie Überformungen und Rekonstruktionen. Ein ausführliches Kapitel beschäftigt sich mit den Zeitschichten, bzw. der „Siedlung als Palimpsest“ ein weiteres Kapitel zeigt „Beispiele der sechs Haustypen in realer Reihung“ gefolgt von Überlegungen einer denkmalpflegerischen Zielsetzung. Abseits der Denkmalpflege sind auch aktuelle Aufnahmen einiger „Gartenparadiese“ beigefügt.

Reinhard Matz und Andreas Schwarting haben mit dieser Arbeit der fast vergessenen Baupolitik für die „kleinen Leute“ zwischen den Weltkriegen einen eindrucksvollen Dienst erwiesen und einen wichtigen Beitrag zur Denkmalpflege geleistet.

01.07.2013

Gabriele Klempert
Das Verschwinden der Revolution in der Renovierung. Die Geschichte der Gropius-Siedlung Dessau-Törten. Hrsg.: Matz, Reinhard; Schwarting, Andreas. 2011. 160 S. 130 meist fb. Abb. 17 x 24 cm. Gb. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2011. EUR 29,00. CHF 42,90
ISBN 978-3-7861-2646-1   [Gebr. Mann Verlag]
 
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