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Das letzte Nationaldenkmal – Bismarck am Rhein

Die Verehrung Otto von Bismarcks, des „Kanzlers der Einigung“, kannte um 1900 keine Grenzen. Hunderte Monumente wurden im ganzen Reich zu seinen Ehren errichtet, am Bekanntesten sind dabei die von der organisierten Studentenschaft initiierten Bismarck-Türme, oft am Stadtrand gelegen, eingebettet in die Landschaft. Auch zahlreiche zentrale Denkmäler waren Bismarck gewidmet, darunter der gigantische Hamburger Bismarck, der noch heute am Elbhang über den Landungsbrücken von St. Pauli thront. Damit nicht genug, sollte es noch riesiger, noch monumentaler, noch zentraler werden: in der Nähe von Bingen am Rhein war zu Bismarcks 100. Geburtstag eine riesige Anlage geplant, die die Herausgeber der vorliegenden Monographie als „das letzte Nationaldenkmal“ bezeichnen, freilich eines, das „nie gebaut wurde“.
In zehn Kapiteln erörtern die Autoren – allesamt unangefochtene Experten in Fragen Bismarckkult und Nationaldenkmal – die Geschichte, den Kontext und die Begleitumstände des 1911 ausgelobten Binger Wettbewerbs. Im Anhang des Buches sind sämtliche Teilnehmer aufgelistet (Architekten, Maler, Bildhauer, oft in Arbeitsgemeinschaft), zahlreiche noch auffindbare Entwurfsvorschläge werden abgebildet, sodass hier reichlich Material zusammengetragen ist. Der Historiker Michael Dorrmann und der Kunsthistoriker Matthias Wilke breiten noch einmal die Thesen ihrer Forschungen zum Binger Projekt aus, Ekkehard Mai und Peter Springer sorgen mit flankierenden Kapiteln für seine Einordnung, greifen dabei weit in die Vergangenheit zurück (die Entstehung des Nationaldenkmals in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert) und in die Zukunft vor (die Nachwirkungen des Binger Projekts bis in die 1930er Jahre, als man das erneut aufgenommene Vorhaben endgültig ad acta legte).
Die kunsthistorische Beurteilung der Entwürfe – die von so unterschiedlicher Qualität, Typologie und Formensprache sind, dass man von einer vollkommenen Austauschbarkeit sprechen kann – zeigt rasch die führende Rolle des Deutschen Werkbundes in den damaligen Debatten. Seine Mitglieder sind es auch, die nach der Vergabe der Ersten Preises eine Debatte anstießen, die – wie so oft beim Werkbund – auf Grundsätzliches zielte, das aufgrund des Dissens zwischen den Protagonisten schon intern nicht gelöst werden konnte (sodass sich Denkschriften von Walther Rathenau und Hermann Muthesius gegenüberstanden).
Diese Zwistigkeiten sind die gewaltige Vorahnung einer – sagen wir mal: „Denkmalbefindlichkeit“, die uns bis heute bestimmt, vor allem, wenn es um deutsche Großdenkmäler geht: Auftraggeber und die mit solchen Monumenten angesprochenen Menschen sind sich über Ziel, Zweck und Ausdruck des Gedenkens grundsätzlich uneins. Das galt für das nie verwirklichte „Reichsehrenmal“ der Weimarer Republik genauso wie für die Denkmalprojekte der Berliner Republik, mit denen seit den 1990er Jahren die Hauptstadt zugepflastert wird. Insofern ist diese Monografie über das „letzte Nationaldenkmal“ (das auch in gebauter Form schon keines mehr gewesen wäre) ein Lehrstück über den Zerfall der Gedenkkultur im Zeitalter der Moderne, deren Fakt sich die Politik (Aufbau des Berliner Schlosses!) bis heute nicht eingestanden hat und daher fröhlich weiter monu-mentalisiert.

06.01.2014
Christian Welzbacher
Das letzte Nationaldenkmal. Bismarck am Rhein: Ein Monument, das nie gebaut wurde. Hrsg.: Mai, Ekkehard; Springer, Peter. 262 S. 244 s/w-Abb. 30 x 23 cm. Gb. Böhlau Verlag, Wien 2913. EUR 49,90
ISBN 978-3-412-22173-7
 
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