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Denkmaltopographie – Stadtkreis Heidelberg

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges fielen auf Heidelberg statt Bomben Flugblätter der US-amerikanischen Streitkräfte mit den Worten „Heidelberg werden wir schonen, denn dort wollen wir einmal wohnen“. Tatsächlich büßte allein die Alte Brücke (Carl-Theodor-Brücke) über den Neckar durch eine Sprengung im März 1945 drei ihrer historischen Bögen ein. Der Erhalt der historischen Stadtlandschaft geriet zum Glücksfall einer vollständig erhaltenen deutschen Stadt schlechthin. Daher braucht man sich auch nicht über die große Denkmaldichte in hoher Qualität zu wundern, die Heidelberg heute aufweist und die nunmehr in einem neuen zweiteiligen Inventarband des Landesamts für Denkmalpflege Baden-Württemberg erschlossen vorliegt. Womöglich wäre der Umfang der Bände ja noch größer geworden, wenn General Ezéchiel Comte de Mélac 1689 nicht den Befehl erhalten hätte, Heidelberg bis auf die Grundmauern zu zerstören. 1693, nur vier Jahre später erfolgte die zweite Eroberung der Stadt durch die Franzosen, bei der Heidelberg willkürlich niedergebrannt wurde und am Ende fast völlig unbewohnbar darniederlag. Übrig blieb jedoch die wohl weltweit populärste Schlossruine, später Kern der Heidelberger Romantik.

So darf es nicht verwundern, dass der Band vor barocker Architektur geradeso überquillt und neben reichlich höfischer und adeliger Architekturzeugnisse auch solche stolzen bürgerlichen Bauwillens aufweist. Deutlich ist der Charakter der einstigen Residenz- und nach 1720 zweiten Hauptstadt der Kurpfalz ablesbar geblieben vom Schloss, über den legendären Hortus Palatinus, vom Marstall bis zu den Palais des Adels entlang der Hauptstraße und am Karlsplatz. Barocke 495 Seiten sind der Altstadt gewidmet, die damit den gesamten ersten Teilband umfasst und neben der immer wiederkehrenden geografisch-historischen Einführung auch die Siedlungsentwicklung in einem aktuellen Beitrag mit der jeweils aktuellsten Forschungsliteratur umfasst. Spannend ist das Archäologische Stadtkataster mit dem Stand 2005, das die zahlreichen Grabungen der Altstadt ebenso dokumentiert wie teils historische Fotos und Grafiken an der Wende zum 20. Jahrhundert. Freilich darf in der neuen Heidelberger Denkmaltopographie auch der prägende Leitspruch „Konservieren, nicht restaurieren!“ nicht fehlen, den der Vater der modernen Denkmalpflege Georg Dehio auf dem 6. Tag für Denkmalpflege mit Blick auf die Heidelberger Schlossdebatte 1905 in Bamberg verkündete und der die Denkmalpflege bis heute verpflichtet ist. 27 versierte Autorinnen und Autoren, die sich andernorts bereits mit denkmalpflegerischen und architektonischen Fragen auseinandergesetzt haben, garantieren für ein fundiertes, gut recherchiertes und darüber hinaus sehr gut lesbares Verzeichnis der Kunst- und Kulturdenkmäler Heidelbergs. Mehr als vier Fotografen sorgten darüber hinaus für teils detailreiche, neue Einblicke in Altbekanntes und in der Regel Unzugängliches (Festsaal von Haus Buhl Hauptstraße 234 oder Inneres des Großherzoglichen Palais Karlstraße 4). Die bis auf den historischen Rückblick durchgängige farbige Bebilderung sucht auch in den Denkmaltopographien ihresgleichen, denn manche Landesämter setzten auch im 21. Jahrhundert noch auf die bewährte s/w-Fotografie. So aber lässt sich die Fassadenfarbigkeit – in ihrer typischen rheinischen Rot-Weiß-Struktur prächtig herauslesen und manches Baudetail wie Ornamentglasfenster oder Holzverkleidungen besser wahrnehmen. Erfreulich sind ungeahnte Einblicke wie ins Gebäude Kleine Mantelgasse 27, dessen barocke Stuckdecke die vermuteten Namenszüge Kurfürst Carl Philipps zeigen.

Erfreulich ist der große Reichtum der Bände an Gebäuden aus Historismus & Gründerzeit, an technischen Denkmälern wie der Bergbahn zu Molkenkur und zum Königstuhl, an Bürgerhäusern und Villen, Bauten der Verwaltung bis hin zu Kasernen und Fabriken. 724 Seiten sind im zweiten Teilband den Stadtteilen von der neuen und sich noch entwickelnden Bahnstadt bis nach Ziegelhausen und Peterstal vorbehalten. Der Band macht vor Gebäuden der Moderne keineswegs Halt, so dass sich hier selbst vielfach noch geschmähte Bauwerke der 1970er Jahre wiederfinden, etwa in Gestalt der Uni-Bebauung im Neuenheimer Feld.
Wenngleich die Denkmaltopographien in erster Linie Orientierungshilfen für die Denkmalbehörden, städtischen Ämter, für Architekten und Handwerksbetriebe bieten, sind sie doch ein unverzichtbarer und wesentlicher Teil einer jeden Stadtgeschichte und bieten den Einheimischen wie den an der Materie Interessierten reichlich neue Erkenntnis über die Stadt und ihre architektonischen Zeugnisse. In ihrer großen Dichte ist mit der Heidelberger Ausgabe ein lang ersehntes unverzichtbares Standardwerk Wirklichkeit geworden, das zuletzt in Gestalt Adolf von Oechelhaeusers Band der Kunstdenkmäler des Amtsbezirks Heidelberg vorlag und 1913 erschien – vor über 100 Jahren! Ein umfangreiches Literaturverzeichnis findet sich am Ende des zweiten Bandes. Es ist so gegliedert, dass man zu einzelnen Aspekten in kurzer Zeit fündig wird – ebenso durch die beigefügten Detailkarten. Angesichts der übergroßen Fülle an Informationen ist das Preis-Leistungsverhältnis mehr als gerechtfertigt!

08.03.2014

Hartmut Ellrich
Stadtkreis Heidelberg. Hrsg.: Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg (Hg.). Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmale in Baden-Württemberg . 1220 S. in 2 Bänden. 30 x 21 cm. Gb. Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2013. EUR 59,00. CHF 78,90
ISBN 978-3-7995-0426-3
 
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