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Art Déco

Der Stil der 1920er und 1930er Jahre, Art Déco, ist wieder da. Ob Schmuck, Möbel, Keramik oder Textilien, Werke berühmter Künstler erzielen auf Auktionen Höchstpreise wie der „Dragon Chair“ von Eileen Gray 2009 in der Auktion bei Christie’s. Als Hauptstadt dieses Stils gilt Paris. Dort wurde 1925 eine Ausstellung unter dem Namen „Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes“ durchgeführt, deren Titel später für den auf dieser Ausstellung vorherrschenden Stil übernommen wurde. Die Ausstellung ging zurück auf eine Initiative französischer Künstler, die 1901 die „Sociéte des Artistes Décorateurs“ gründeten und war ursprünglich, durch den Ersten Weltkrieg verzögert, schon für 1915 geplant.

Weltweit hat der Art Déco viele Liebhaber und das Museum Bröhan in Berlin wirbt als Spezialmuseum seit langem in vielen interessanten Ausstellungen für die Künste der 1920er und 1930er Jahre. Was aber fehlte, war eine Publikation, die einen Überblick, der sämtliche Aspekte dieses Stils vorstellt, ermöglicht. Dieser Aufgabe, ein Desiderat zu beseitigen, stellte sich Alastair Duncan, der zunächst langjährig bei Christie’s beschäftigt war und sich dann als Sachverständiger selbstständig machte. Er gilt weltweit als einer der angesehensten Fachleute zum Thema Art Déco und hat dazu bereits zahlreiche Artikel und Bücher publiziert. Nun legte er sein opus magnum, „Art Déco Complete“ vor. In deutscher Sprache erschien es unter dem Titel „Art Déco. Die Epoche – Die Künstler – Die Objekte“ in der Collection Rolf Heyne. Groß ist das Opus auch als Buchformat. Auf 544 Seiten und auf mehr als 1000 Abbildungen, versammelt Duncan bekannte und unbekannter Kunsthandwerker und Künstler. Selbstverständlich dabei sind Schmuckarbeiten der Dynastie Cartier, Gemälde von Tamara de Lempicka, Plakate von Cassandre, Möbel von Jacques-Émile Ruhlmann oder Glasarbeiten von René Lalique. Das Gros der in der Publikation vorgestellten Protagonisten dürfte aber einem breiten Publikum unbekannt sein.

Gleichwohl ein Porträt der Stilepoche angestrebt wurde, fehlt eine Abteilung: Architektur und auch vermisst werden im ausführlichen Register die Schmuckarbeiten der 1873 gegründeten Ketten- und Bijouteriewerkstatt Jakob Bengel aus Idar-Oberstein. Letzteres ist misslich, da in einer 2008 veröffentlichten Firmen-Monographie nachgewiesen werden konnte, dass viele, von der Fachwelt als „französischer Schmuck“ eingestufte Art-Déco-Schmuckobjekte dort entstanden und in den 1920er und 1930er Jahren in Europa sehr beliebt waren.

Duncan legt seiner Untersuchung einen weiten Stilbegriff zugrunde. Dies ermöglicht ihm eine große Anzahl von Einflüssen und Praktiken zu erfassen. In seiner Einleitung skizziert er knapp diese Problematik, für die Fachleute noch keine Lösung gefunden haben. Der Art Déco, darin ist man sich jedoch einig, umfasst sowohl Luxusgüter als auch alltägliche Gebrauchsgegenstände und ist ein Stil freier und angewandter Künste. Stilistisch partizipiert der Art Déco an Jugendstil und Bauhaus und nahm ethnographische Elemente auf. Umstritten unter den Protagonisten jener Zeit war die Herstellungsweise. So trifft man auf handwerklich oder maschinell hergestellte Gegenstände und auf länderspezifische Ausprägungen. Betonten einige das Ornamentale, so orientierten sich andere wiederum am Funktionalismus. Eine große Variationsbreite war die Folge. Diese komplexe visuellen Sprache in allen Varianten darzustellen, unterzog sich Duncan und legte eine gut strukturierte Untersuchung vor.

Das Buch besteht besteht aus zwei Abteilungen: 1) „Medien und Meister“ und 2) „Künstler, Designer und Hersteller von A-Z“. Die erste Abteilung kennt neun Medien und Materialien: 1) Möbel und Interieur; 2) Skulpturen; 3) Malerei, Grafik, Plakat- und Buchkunst; 4) Glas; 5) Keramik; 6) Beleuchtung; 7) Textilien; 8) Silber, Metall, Lack und Emaille und 9) Schmuck.
In einem das jeweilige Kapitel einführenden Text spricht Duncan über die verwendeten Materialien, Stilrichtungen um dann herausragende Gestalter in Kurzporträts zu würdigen. Das größte Kontingent stellt „Möbel und Interieur“ mit 14 Einzelvorstellungen, „Textilien“ bringt es dagegen lediglich auf zwei. Groß- und kleinformatige Abbildungen treten den Text ergänzend hinzu, teilweise werden auch ganze Ensembles, komplette Inneneinrichtungen und Fotografien, die die Gestalter zeigen, präsentiert. Da nicht alle Künstler und deren Werke besprochen und abgebildet werden können, wird auf das umfängliche Register und die zweite Abteilung verwiesen. Im Blick hat Duncan Geburtsjahrgänge ab 1860 (René Lalique) bis 1899 (Clarice Cliff). Auch wenn französische Gestalter das Feld beherrschen, vertreten sind auch Japan, Litauen, Rumänien, Ungarn, die Ukraine, Russland, Polen, Finnland, Italien, Dänemark, Österreich, Luxemburg, die Schweiz, die Niederlande, Deutschland, Belgien, Großbritannien, Schweden, Irland und die USA. Leider im Buch nicht systematisch beleuchtet, auffällig ist, dass einige der Gestalter Familientraditionen weiterführten oder selbst begründeten: Beim „Glas“ treffen wir auf Daum Frères (Daum und Gebrüder) oder beim „Silber“ auf die Puiforcats. Nicht wenige Kunsthandwerker kamen entweder aus Künstler- Handwerkerfamilien wie Clarice Cliff und Jean Perzel oder hatten, bevor zum Kunsthandwerk wechselten, Kunst studiert wie etwa René Buthaud.

Die zweite Abteilung ist alphabetisch aufgebaut und enthält, kleiner gedruckt, Kurzporträts jener Gestalter, die im ersten Teil nicht erwähnt wurden. Umgekehrt entfallen Kurzporträts für diejenigen, die im ersten Teil ausführlich behandelt wurden. Der Vollständigkeit halber gibt es einen Querverweis beim entsprechenden Namen auf die erste Abteilung. In diesem Teil sind aufregende Entdeckungen zu machen. Aus Luxemburg kommen die Boch Frères (Keramik), auch als Familie betrieben die Boin-Taburets ein Schmuckgeschäft und fertigten auch selbst. Kaum bekannt ist auch, dass der Sohn des berühmten Architekten Josef Hoffmann, Wolfgang, selbst Architektur und Kunstgewerbe studierte, nach einem heimatlichen Zwischenspiel in die USA ging und dort „an der Spitze der modernistischen Bewegung“ stand. Völlig unbekannt ist, dass Wolfgang Hoffmanns Frau Pola selbst künstlerisch tätig war und das Paar gemeinsam in den USA ein Studio für Inneneinrichtungen betrieb. Von Anni Albers wiederum, der Frau von Josef Albers, wurden inzwischen deren künstlerische Arbeiten dokumentiert.

Der Fokus der Untersuchung liegt auf einer Erfassung des Gesamtphänomens. Duncan hat ein Grundlagenwerk geschrieben, das zu weiteren soziologischen und ökonomischen Forschungen einlädt. Nicht wenige Akteure gründeten Unternehmen in Handwerk und Handel oder betrieben Handwerk und Handel aus einer Hand. Ein herausragendes Beispiel etwa ist das Pariser Einrichtungshaus DIM (Décoration Intérieure Moderne), andere erwarben Patente, gründeten im Ausland oder eröffneten dort Filialen.

Es gilt den verstreut über das Buch angesprochenen Hinweisen ebenso weiter nachzugehen wie dem Phänomen der Wanderungsbewegungen und Gruppenbildungen. Nur als Gruppe, so die empirisch reich belegte These von Christoph Wilhelmi in seinem dreibändigen Grundlagenwerk „Künstlergruppen in Europa seit 1900“, sei die künstlerische Moderne durchgesetzt worden. Ähnliches könnte es auch im Bereich Kunsthandwerk geben. Empirisch ist dies für den Art Déco dank dieser hervorragenden Detailarbeit von Duncan nun belegt. Eine Besonderheit, die herausragende Rolle der Familie, fällt, im Unterschied zu den freien Künsten, auf. Der Art Déco, auch dies wird deutlich, war ein internationales Phänomen. Nicht wenige seiner Protagonisten verließen heimatliche Gefilde, um im Ausland zu wirken.

Captatio benevolentiae – das Erheischen des Wohlwollens, der Gunst – ist die Sache der Musen, deren es homerische drei gab. Eine, Mneme, die Erinnernde, kam bei Duncan zum Zug. Er erinnert mit stilistischer Präzision, Kenntnisreichtum, viel Liebe zum Detail an einen bislang etwas verkannten Stil und führt dabei geschickt Regie. So verzichtete darauf, die bereits mit Publikationen reich bedachten Künstler wie Marcel Breuer, Richard Riemerschmid, Gerrit Thomas Rietveld, Mart Stam, Wilhelm Wagenfeld oder die Marken WMF, Rosenthal, Sèvres oder Tiffany nochmals ausführlich zu behandeln. Als überaus gelungene Gesamtdarstellung verdient Duncans und die Arbeit im Verlag nur ein Prädikat: de luxe.
25.03.2010
Sigrid Gaisreiter
Duncan, Alastair: Art Déco. Die Epoche Die Künstler Die Objekte. 2009. 544 S., fb. Abb. 30 x 24 cm. Gb iSch EUR. Rolf Heyne Collection, München 2009. EUR 150,00
ISBN 978-3-89910-393-9
 
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