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Typographie des Terrors

Im repräsentativen Großformat erschien der Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Münchner Stadtmuseum, die die gestalterische und thematische Bandbreite von Plakaten der NS-Zeit am Beispiel München zeigt. Der Schau selbst haben Kritiker Ästhetizismus vorgeworfen: Unkommentiert seien die Plakate als „Kunstwerke“ gezeigt, obwohl sie doch in erster Linie der Massenbeeinflussung dienten, Propaganda und „schönen Schein“ des Alltags im Nationalsozialismus repräsentierten. Ob die Vorwürfe zutreffen sei dahingestellt (der Rezensent hat die Ausstellung nicht gesehen), der Katalog jedenfalls löst alle kritisierten Punkte spielend ein.
Den Autoren ist es gelungen, anhand der (streng chronologisch präsentierten) Beispiele die Kultur-, Alltags-, Propaganda- und Politikgeschichte des „Dritten Reichs“ engzuführen und anhand des Massenmediums Plakat nachzuerzählen. Dass sich die Auswahl auf München konzentriert tut der Sache keinen Abbruch. Im Gegenteil: Das krasse Gefälle und das bizarre Nebeneinander der annoncierten Dinge lässt erahnen, was Alltag in einer Diktatur gewesen sein mag. Da stehen der Maskenball und das SS-Frühlingsfest neben dem Volkstheaterstück und der Aufforderung zur Spende für das Winterhilfswerk. Olympia steht neben „Entarteter Kunst“, der „Landesfeuerwehrtag“ neben der „antibolschewistischen“ Schmähausstellung. Der „Bildbericht über das Konzentrationslager Dachau“ neben dem Auftritt des „NS-Reichs-Symphonieporchesters“ oder dem Fest des Kolonialbundes mit dem schmissigen Titel „Auf Safari“.
Themen und Aspekte schwimmen ineinander, dass dem Leser schwindelig wird. Bereits beim ersten Durchblättern des hervorragend illustrierten Bandes scheint die Frage auf: Was ist Zeitgeist, was Tümelei? Wo setzt die Beeinflussungsstrategie des Regimes Akzente? Was vereinnahmen die Propagandisten, was formen sie für eigene Zwecke um? An dieser Stelle hakt der durchgängig hochinstruktive Text des Katalogbuches ein. Plakat für Plakat, Beispiel für Beispiel nehmen die Autoren auseinander, nähern sich dem jeweils im Text-Bild-Medium annoncierten Thema mit akribischer Gründlichkeit und rauben dem Leser die Illusion, dass es auch nur einen Aspekt des Lebens unterm Hakenkreuz gegeben hätte, der nicht von „oben“ kontrolliert worden wäre.
Vieles, was hier gezeigt wird, ist martialisch, manches ist platt, zahlreiches künstlerisch belanglos. Aber darum geht es nicht, denn der in Zeit und Ort konzentrierte Überblick bietet die Möglichkeit, einen Querschnitt durch die Plakatproduktion zu zeigen. So trifft den am Ende auch der Titel, wenngleich er an einen Kalauer gemahnt, ein Wortspiel ausgehend von der Berliner Gedenkstätte am Ort des ehemaligen Prinz-Albrecht-Palais in der Wilhelmstraße, einst Sitz des Reichssicherheitshauptamtes und seit 1987 unter dem Namen „Topographie des Terrors“ bekannt. Dies freilich relativieren die Autoren in ihrem knappen Vorwort, dem einzigen Überblickstext des Bandes, der ansonsten auf Aufsätzen oder Essays verzichtet und sich von Anfang bis Schluss allein den Einzelstudien widmet, die – liest man sie chronologisch oder durcheinander – zahllose Querverbindungen aufweisen und so komplexe Zusammenhänge offenbaren. Ein Sachregister hätte hier schnelles Nachschlagen thematischer Aspekte ermöglicht. Sonst aber gibt es an diesem Buch nichts auszusetzen. Es ist, erneut, ein Beispiel dafür, wie kritische Forschung zum NS auch im Bereich der Mediengeschichte reiche Früchte tragen kann, wenn man sich gründlich auf alle Facetten des Themas einlässt und Betrachtung, Reflexion und Analyse hinter die Oberflächen führt.

1. 7. 2012
Christian Welzbacher
Rader, Henning; Weidner, Thomas. Typographie des Terrors. Plakate in München von 1933 bis 1945. 30 x 24 cm. Gb. Kehrer Verlag, Heidelberg 2012. EUR 49,80.
ISBN 978-3-86828-312-9
 
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