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Ein Geschenk für den Kaiser

Der Grand Camée de France, auch Gemma Tiberiana genannt, ist eine der größten antiken Kostbarkeiten, die es weltweit gibt. Der figürlich verzierte Achat, 31 cm hoch und 26,5 cm breit, ist im Pariser Cabinet des Médailles aufbewahrt und hat sich niemals unter der Erde befunden, sondern wurde vom einen Fürsten - sowohl weltlich wie kirchlich - zum anderen weitergereicht und zwar stets unter politisch-diplomatischen Gesichtspunkten. Überflüssig zu sagen, dass über diesen sensationellen Stein im Laufe der Jahre schon regalefüllend publiziert wurde.

Plinius der Ältere bezeichnet in seiner Naturgeschichte einen derartigen Stein, für uns ein fünfschichtiger gebänderter Achat, als Sardonyx; in seinem Wert liege er an fünfter Stelle hinter Diamant, Perle, Smaragd und Opal und rangiere noch vor Gold und Silber. Dass die mehrschichtigen Achate, zu wertvollen Kameen geschnitten, schon in der Antike in der obersten dunklen Lage mittels Honiglösung und Brand gefärbt wurden, ahnten weder Plinius noch heutige Archäologen. Dies ist eine der Erkenntnisse, die Gerhard Schmidt, Steinschneider in Idar-Oberstein und Spezialist für Kameen, während seiner Kopistenarbeit am Grand Camée treffen konnte.

Für Klassische Archäologen und Althistoriker ist natürlich die eingeschnittene Szenerie am wichtigsten, auf der 24 Personen in drei übereinanderliegenden Registern abgebildet sind. Worum geht es da? Die Szene handelt vom julisch-claudischen Haus, einer der sowohl kompliziertesten als auch unterhaltsamsten Herrscher-Dynastien, die die Geschichte kennt. Ihre familiären Verstrickungen, ob es sich um Heiratspolitik oder um das frühe Ableben erbberechtigter Nachkommen handelt, bieten seit jeher reichen Stoff für Theaterstücke, Romane und Filme. (Luca Giuliani schreibt, dass bei dem durch Heirat und Namensdoppelungen unübersichtlich gewordenen Stammbaum der Gens Julia selbst die Zeitgenossen den Überblick verloren hätten ...)

Im mittleren der drei Register, und zwar genau in der Mitte, macht man seit jeher den Kaiser Tiberius (Adoptivsohn des Augustus) aus, im oberen befinden sich die bereits Verstorbenen (Augustus, Drusus, Germanicus). Neben Tiberius thront dessen Mutter Livia (Witwe des Augustus). Kaiser und Kaisermutter tragen Attribute, die sie an Ceres und Jupiter angleichen. Auf gleicher Ebene sind außerdem die drei Germanicus-Söhne abgebildet, womit das eigentliche Thema klar wird: die Nachfolgeregelung des Tiberius. Wen hat er insgeheim dazu bestimmt, von ihm adoptiert zu werden? Mit Absicht hat Tiberius die Frage seiner Nachfolge lange Zeit unbeantwortet gelassen. Bekanntermaßen war es dann Caligula, einer der drei Germanicus-Söhne, den der altgewordene Tiberius nach Capri beordert und der schließlich sein Nachfolger wird. Aber so weit sind wir auf dem Grand Camée noch nicht.

Hier kommt die Frage nach der Funktion eines solch großen wertvollen Kameo ins Spiel: Wer hat ihn bekommen? Tiberius. Das steht fest. Was sollte gesagt werden? Die Frage der Nachfolge sollte auf möglichst diplomatische Art angesprochen werden. Wer hat ihn in Auftrag gegeben? Namentlich ist dieser Jemand nicht auszumachen, es muss sich aber um ein einflussreiches Mitglied der römischen Oberschicht gehandelt haben, der den Princeps durch seinen hoffentlich richtigen Tipp (Germanicus-Söhne?) zur Veröffentlichung seiner überfälligen Entscheidung "anregen" wollte. Zweifellos ein Risiko, denn ein derartiger Versuch konnte danebengehen, auch dann, wenn keine Möglichkeit, dem Kaiser zu schmeicheln (Jupiter, Ceres), ungenutzt blieb. Wie die Geschichte für den Auftraggeber endete, wissen wir nicht.

Das vorliegende Bändchen ist in Zusammenarbeit von Luca Giuliani, Professor für Klassische Archäologie und Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin, mit dem Steinschneider Gerhard Schmidt entstanden, der im Laufe von ca. zwei Jahren die drei größten und bedeutendsten Kameen (Gemma Augustea, Tazza Farnese, Grand Camée) nachschnitt und sie währenddessen genauestens studieren konnte. In einem separaten Teil umreißt er die Geschichte des Steinschneidens und listet die Überarbeitungen auf, die er am Grand Camée ausmachen konnte.

Fazit: Ein wichtiger Beitrag zur Erforschung der antiken Kameen. Nicht nur für die Fachwelt lesenswert!
29.01.2010
Daniela Maria Ziegler
Luca Giuliani. Ein Geschenk für den Kaiser. Das Geheimnis des großen Kameo. 120 S., 44 Abb., dav. 11 fb. Br. C. H. Beck Verlag, München 2010. EUR 14,00
ISBN 978-3-406-60054-8   [C. H. Beck]
 
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