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Byzanz - Pracht und Alltag.

Präsentierte Berlin 2008/2009 hauptsächlich die aktuelle Istanbuler Kulturszene, so lag der Schwerpunkt der von einer türkischen Konzeption bestimmten Pariser Ausstellung „De Byzance a Istanbul – un port pour deux continents“ (Oktober 2009 bis Januar 2010) auf Ausgrabungen, mit denen der aktuelle Anspruch der Stadt dokumentiert werden sollte, „Ein Hafen für zwei Kontinente“ zu sein. Dass dabei Byzanz (320 – 1453) nicht wie bisher häufig distanziert, weil christlich-orthodox, dargestellt wurde, belegt einen Differenzierungsprozess im türkischen Geschichts- und Selbstverständnis, dem wir 2010 in der europäischen Kulturhauptstadt Istanbul auch die erste Ausstellung zu „Byzanz“ seit Gründung der Türkischen Republik 1923 verdanken.

Anders als in Paris und Istanbul steht in der Ende Februar 2010 in der Bonner Bundeskunsthalle eröffneten Ausstellung „Byzanz. Pracht und Alltag“ unausgesprochen die europäische Sicht auf Byzanz im Mittelpunkt - womit hier jedoch Stadt und byzantinisches Reich (320 – 1453) soweit der zeitliche Schwerpunkt bis1204 gemeint sind. Forschungsbedingt, so der Ausstellungskatalog, beschränke man sich bei der Präsentation von „Pracht und Alltag“ auf die Alltags-Objektüberlieferung der politisch-kulturellen Oberschicht. Nun ja.

Was wird hier gezeigt ?
In zehn Themenbereichen mehr als 500 Objekte, in vierjähriger Vorarbeit unter Federführung des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz aus mehr als 80 Museen zusammengetragen und
mit detaillierten Erläuterungen zum jeweiligen Forschungsstand im Ausstellungskatalog versehen - auf absehbare Zeit Steinbruch und Standardwerk für Archäologen, Kunsthistoriker und Byzantinisten.
Dem interessierten Publikum bieten die einleitenden Essays im Katalog und einige Computeranimationen in der Ausstellung einen ersten kursorischen Überblick über die präsentierten Themenbereiche. Doch werden diese beiden besonders publikumsbezogenen Ausstellungsinformationen nicht auch separat angeboten. Das Begleitprogramm (Führungen in Türkisch, ein Buch für Kinder, die Fortbildung für Lehrer, öffentliche Führungen und Diskussionsforen) entschädigt ein wenig für diese Fehlstellen.

Was wird hier warum nicht gezeigt ?
Die Ausstellungsmacher haben sich mit dem ersten Satz des Ausstellungskataloges - das byzantinische Reich sei im heutigen Europa „sehr lebendig“ und es sei „nicht schwer, seine Gegenwart überall zu entdecken“ – gleich selbst die Absolution dafür erteilt, dass sie das Tradieren byzantinischer Formen und Inhalte bis in unsere Gegenwart hier weder thematisieren noch dokumentieren. Denn da hier Forschungsergebnisse zu einzelnen Objekten publikumsnah themenspezifisch inszeniert werden, bleibt das Aufzeigen von dem, was heute (noch) Europa und die Türkei kulturell und politisch mit Byzanz verbindet im Dunkel der Bundeskunsthalle verborgen.
Diese nicht sehr publikumsnahe Konzeption müsste die Ausstellungsmacher nachdenklich stimmen: wie häufig, ausführlich und begeistert wurde in den Berichten der Tagespresse über das aus Berlin geholte „Kugel-Wettspiel“ (Byzanz, um 530 n. Chr.) berichtet – warum ? Weil es unseren Alltag mit dem eines Byzantiners zur Zeit Justinians verbindet (der solche Art von Wettspielen fast zur gleichen Zeit verbot). Nun ist dieses heimliche highlight der Ausstellung ganz sicher singulär. Was aber ist mit Recht, Religion, Philosophie, Sprache, Architektur im byzantinischen Reich? Kursorisch: der Codex Iustianus mit seinem „in dubio pro reo“ als einem heute zentralen Rechtsprinzip; die viel zu kurz erwähnten, sprachlich und religionspolitisch wichtigen Weltenwanderer Method und Kyrill (beerdigt in San Clemente unweit des Lateran); die Kuppeln des Markusdoms in Venedig (Vorbild: die Apostelkirche in Konstantinopel), Bellinis Porträt des Eroberers von Konstantinopel, Mehmet II. (um 1480) als prototypisch für den kulturellen Austausch zwischen Byzanz, dem Westen und dem Reich der Türken … . Würden auch nur zwei oder drei solcher Traditionsstränge aufgezeigt, die Ausstellung hätte an Vermittlungsdichte und das Publikum an Erkenntnis gewonnen. So aber wird dem unbefangenen Besucher „Byzanz“ zwar (wieder) in Erinnerung gerufen, aber er wird kaum mit dieser Epoche verbunden. Schade.
Und schließlich: der Blick auf Byzanz/byzantinische Traditionslinien erhält eine kultur-politische Komponente dadurch, dass er ja immer zugleich auch Rekurs auf europäische und türkische Gemeinsamkeiten sowie deren Nachwirken in der Gegenwart beider Kultursphären ist: wie sinnvoll, ja notwendig eine solche Präsentation gerade heute wäre, hat diese Ausstellung gezeigt.

23.4.2010
Wolfgang Schmidt
Byzanz. Pracht und Alltag. 408 S., 28 Farbtafeln, 438 fb. Abb., 11 Karten, 3 Grundrisse, Zeittafel, Register. 24,5 x 28 cm, Gb. Hirmer Verlag, München 2010. EUR 42,00
ISBN 978-3-7774-2531-3
 
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