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Tierbilder und Tierzeichen im Alten Ägypten

Mit der Neuaufstellung der ägyptischen Objekte auf der Berliner Museumsinsel 2009 erscheinen viele der dort beherbergten Aegyptiaca in einem neuen Licht – dies ist nicht nur übertragen zu verstehen, sondern auch durch eine neue Ausstellungskonzeption wortwörtlich umgesetzt worden. In diesem Zusammenhang hat Jürgen Burkhard zahlreiche neue Fotografien angefertigt, die vor allem das Reliefdekor der Opferkammern des Metjen (ÄM 1105), des Merib (ÄM 1107) und des Manofer (ÄM 1108) neu ausgeleuchtet wiedergeben. Die Grabanlagen werden erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg in einem gemeinsamen Ausstellungsraum (1.08) gezeigt (zur Aufstellung vor 1906 vgl. Bild Landesdenkmalamt Berlin, Microfiche-Scan mi03933f03. Monografisch sind die Opferkammern jüngst von Olivia Zorn und Dana Bisping-Isermann in der Reihe „Museale Studien“, Verlag Michael Haase 2011 unter dem Titel „Die Opferkammern im Neuen Museum Berlin“ abgehandelt worden).
Da die Wandbilder der Mastabas zahlreiche Szenen mit Fauna und Flora Altägyptens zeigen, hat Wildung in diesem vorliegenden, thematisch ausgerichteten Bildband Tierdarstellungen aus dem gesamten Bestand des Ägyptischen Museums Berlin, dem er 20 Jahre vorstand, zusammengetragen. Zur Präsentation hat er vier Themenkomplexe gebildet: 1. Tier und Natur; 2. Tier und Mensch (hier auf S. 73 ein gravierender Schreibfehler); 3. Tier und Gott (hier auf S. 106 ein fehlender Buchstabe) sowie 4. Tier und Schrift. Unter „Natur“ werden Landschaftswiedergaben, Paarung von Wildtieren und Jagdszenen subsumiert, wie sie besonders auf Reliefblöcken des Ni-user-Re aus Abu Ghurob zu finden sind. Die Einbindung von Tieren in kulturelle Entwicklungen kennzeichnet den zweiten Abschnitt: Einerseits ist die Darstellung von Nutztieren sehr verbreitet, andererseits werden Tiere häufig als Opfergaben oder als Jagdbeute abgebildet. Der dritte Teil widmet sich vergöttlichten Tieren oder Göttern in Tiergestalt, und der letzte Abschnitt zeigt Tiere als Element der Hieroglyphenschrift. Insgesamt ist daraus ein opulenter Bildband entstanden, der im besonderen auf die detaillierte Wiedergabe der Darstellung der altägyptischen Fauna auf den Jahrtausende alten Reliefs abzielt. Auf szenische Kontexte geht der Band nicht weiter ein; im Kalkül des Herausgeber liegt es, den ästhetischen Wert jeder einzelnen Bildsequenz zu bemühen und das Augenmerk auf die feine, künstlerische Ausgestaltung selbst kleinster Details zu lenken. Vieles wird dem Museumsbesucher bei einem Rundgang an den vielen Originalen schon wegen der Fülle an Objekten im Ägyptischen Museum Berlin entgangen sein, auf die der vorliegende Band in einer Art Nachgang aufmerksam machen will. Im Buch erfreuen die Reliefs den Betrachter durch Schärfe und fotografische Tiefe, bedingt durch die zuvor angesprochene hervorragende Ausleuchtung. Lediglich die Doppelseite 45/46 scheidet hieraus aus, da das Bild zu dunkel und kontrastarm ist. Die Aufnahmen der Rundbilder wie z. B. Seiten 36, 37 oder 101 unten arbeiten mit starken Schattierungen, wodurch manches Detail (Dekor des Nilpferdes, rechte Vorderpfote des Igels) optisch verschwimmen. Freigestellte Objekte wie auf den Seiten 72, 84, 85 oder 90 verlieren aufgrund der Nachbearbeitung ihre Kontur. Dies bleiben aber die wenigen Ausnahmen in einem ansonsten vorbildlich ausgestatteten Bildband.
Den thematischen Abschnitten hat Wildung erläuternde Einführungstexte vorangestellt, in denen er das Verhältnis alter Ägypter-Naturbetrachtung unter Heranziehung des Aton-Hymnus‘ beschreibt, die Tiernutzung durch den Menschen in einen ideologisch/religiösen Kontext stellt, die Darstellung göttlicher Tiere zum Zwecke ihrer Bändigung interpretiert und die Einbindung der 177 Schriftzeichen, die Tiere oder Teile davon abbilden, in das altägyptische Schriftsystem erklärt.
Einige Eigenwilligkeiten, etwa die Rosettana als bilinguale Inschrift zu bezeichnen, obwohl auf ihr in Hieroglyphisch, Demotisch und Griechisch ein Dekret festgeschrieben worden ist oder die Vergöttlichung der Katze mit ihrer „Unnahbarkeit und Sensibilität“ erklären zu wollen, die „jeder Katzenfreund nachvollziehen“ kann, durchziehen den Band und stören eher den fach-, weniger den sachkundigen Leser. Das ansehenswerte Buch hat nach Abschluss der Durchsicht eine einzige gravierende Schwäche: Die Inventarnummern der abgedruckten Objekte oder ein Vermerk zu ihrer Aufstellung fehlen, sodass ein Buchbetrachter kaum die Möglichkeit besitzt, das im Band gesehene noch einmal im Original schnell aufzufinden.

04.06.2012
Orell Witthuhn
Wildung, Dietrich. Tierbilder und Tierzeichen im Alten Ägypten. Hrsg.: Braun, Waltraud. 160 S. 28 x 24 cm. Gb. Deutscher Kunstverlag, München 2010. EUR 19,90. CHF 30,50
ISBN 978-3-422-07056-1
 
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