KunstbuchAnzeiger - Kunst, Architektur, Fotografie, Design Anzeige Metzler Lexikon Kunstwissenschaft Anzeige Verlag Langewiesche Königstein | Blaue Bücher
[Home] [Epochen] [Rezensionen] [Druckansicht]
Themen
Recherche
Service

[zurück]

Revisionen der Romantik

Der Titel des Buches versucht auf eine kurze Formel zu bringen, was eigentlich nur länger zu sagen ist. Es geht um die Rezeption der deutschen romantischen Malerei (eigentlich verschiedener Epochen) und der romantischen Kunsttheorie durch die Kunstliteratur und Kunstwissenschaft des 19. Jahrhunderts. Diese erstreckt sich für Christian Scholl zwischen Goethes und Meyers Aufsatz „Neudeutsch religiös-patriotische Kunst“ von 1817 und der Jahrhundertausstellung von 1906. Vorherige Reflexionsstränge, wie etwa die Selbstreflexionen Philipp Otto Runges oder dessen Briefwechsel mit Goethe, werden ausgeblendet, wie denn überhaupt künstlerisches Selbstverständnis in der Darstellung eine relativ geringe Rolle spielt. Dafür ist der kompakte Band ein Sammelbecken kunsttheoretischer und –historischer Äußerungen über das, was man insgesamt und global als romantisch in der deutschen Kunst begreifen könnte. Das Spektrum reicht von der „neudeutschen“ Kunst der Nazarener bis hin zu Böcklin, also eigentlich weit über die Epoche der Romantik hinaus, und hierin könnte man vielleicht eine allzu großräumige Ausdehnung des reichen und dichten Materials sehen, das auf nahezu 700 Seiten vor dem Leser ausgebreitet wird. Das erste Kapitel „Die Etablierung der Romantik“ (sollte klarer heißen des Romantikbegriffes) widmet sich dem Grundsatzstreit zwischen den Positionen der „Weimarer Kunstfreunde“, die partiell auch diejenigen Runges und Friedrichs sind, und denen der „Nazarener“, der zugleich ein Grundsatzstreit Goethes und Friedrich Schlegels ist, um nur die beiden bekanntesten Exponenten zu nennen. Bereits das zweite Kapitel greift über die Epoche der Romantik hinaus, wenn München versus Düsseldorf oder Carl Friedrich Lessing als Lieblingsgegenstand vormärzlicher Kunstkritik untersucht werden. Im dritten geht es um Gehalt und Form, wobei unter anderem zeitlich so unterschiedliche Ansätze der Landschaftsauffassung, wie sie etwa der Naturmystiker C.D. Friedrich und der gegenwartsnahe Historienmaler C.F. Lessing repräsentieren, miteinander verglichen werden. Das vierte befaßt sich mit den romantischen Institutionen, zu denen Scholl etwa auch den Kunstverein oder das Museum zählt, Einrichtungen also, die erst am Ende der Epoche verbreitet werden und eigentlich eher mit dem bildungsbürgerlichen Anspruch des Biedermeier und Vormärz einhergehen als mit explizit romantischen Kunstvorstellungen.

Aspekte der Rezeption der Nationalromantik von 1813ff. (Kersting, Hartmann, Olivier etwa) spielen im Buch leider gar keine Rolle. Hier vermißt man Jost Hermands Aufsatz über C.D. Friedrichs „nationale Trauerarbeit“. Wie denn auch eine Auseinandersetzung mit den Quellen der Vor-Romantik bzw. deren Rezeption zu unterbleiben scheint. Gerade sie aber hätte für das Verständnis der Konstituierung dessen, was Scholl als „Autonomie“ des Künstlers begreift, nahegelegen, so das Selbstverständnis Joseph Anton Kochs etwa und dessen Aufnahme durch die zeitgenössische Publizistik. Der Rezensent hätte also die Verlängerung der Perspektive ins Vorausgegangene ergibig gefunden. Auch textlich hätte eine Verknappung der z.T. etwas breit ausgeführten Passagen über wissenschaftlich bekannte Tatsachen gut getan.

Was dabei zusammengetragen wird, ist aber von großer Dichte und verzahnt sich argumentativ zum Teil zu neuen Einsichten, so daß das Buch ein Kompendium und eine Fundgrube zur Kunsthistoriographie des 19. Jahrhunderts werden wird.
Dazu tragen besonders der zweite und dritte Teil des Werkes bei, die die Rezeption „des Romantischen“, aber nicht nur dessen, in der zweiten Jahrhunderthälfte abhandeln und hierzu eine Fülle bisher geringgeschätzten oder gar nicht in Betracht gezogenen Materials heranziehen, bis hin zu den Publikumszeitschriften wie Gustav Freytags (nicht Freitags) „Grenzboten“. Von hierher die Romantik vollständig und tiefer ausloten zu wollen, ist natürlich nicht möglich. Und so bleiben die Hauptgewährsleute zur Rezeption naturgemäß die frühen Vertreter des noch jungen Faches Kunstgeschichte, so etwa Franz Kugler, Herman Riegel, Ludwig Schorn oder Carl Gustav Waagen. Diese werden z.T. sehr ausführlich mit ihren Zeitschriften und Jahrbüchern vorgestellt, Grabenkämpfe und Polemiken werden aufgezeigt (so die Abwertung Ernst Försters oder der bekannte Holbein-Streit). Ob es bezüglich der Gewichtung der einzelnen Autoren und mehr noch ihrer Perspektive zu neuen Akzentsetzungen für die Rezeption der Romantik kommt, ist nur schwer zu entscheiden. Anton Springers Integration des großen, aber unzeitgemäßen Einzelnen oder Cornelius Gurlitts Rehabilitierung des Barock sind natürlich keine bislang unbekannten Leistungen, was aber hier überzeugt, ist die Einbindung dieser herausragenden Weitsicht in das sie umgebende Feld des herrschenden wissenschaftlichen main stream. Spätestens im dritten Teil greift der Autor dann auch weiter zurück, indem er Phänomene der Verbürgerlichung der Kunst um 1800 (nach Alfred Lichtwark) oder den Einbruch der handwerklichen Tradition seit Asmus Jacob Carstens thematisiert oder gar dem Verlust dem Kunstsinns in den niederen Schichten (einer Erkenntnis der Heimatkunstbewegung um 1900) in jener Zeit nachgeht. All das findet vor der Romantik statt, bzw. hat mit jener direkt nur noch geringe Berührungspunkte.
Der dritte Teil referiert aber auch die Beschreibungen von einzelnen Kunstwerken, wobei hier die große Antithese von Nazarenertum und frühem Verismus ein Kriterium ist, das die Polarisierung der Jahrhundertausstellung geprägt zu haben scheint. Nun sind es die Wiederentdeckungen Oldach, Speckter oder V.E. Janssen, die für die anti-nazarenische Haltung bemüht werden. Scholl konstatiert, daß diese 1906 festgeschriebene und mit Tschudis Neuhängung der Nationalgalerie auch dauerhaft manifestierte Sicht einer solchermaßen zwiegestaltigen Romantik bis heute unsere Sicht jener Epoche prägt. Der Kanon der Maler lag fest, was später erst entdeckt wurde, ließ sich nur noch schwer oder gar nicht in unser Bild von der deutschen Romantik integrieren.


Insgesamt ein höchst faktenreiches Buch, das der Rezensent eher neben seine Bücher zur „Wissenschaftsgeschichte der Kunstgeschichte“ stellen wird. Denn die hier Agierenden sind die Kritiker und die Kunsttheoretiker.

21.11.2012
Jörg Deuter
Scholl, Christian. Revisionen der Romantik. Zur Rezeption der "neudeutschen Malerei" 1817-1906. Ars et Scientia 3. X 735 S., 20 Abb. 24 x 17 cm, Gb. Akademie Verlag, Berlin 2012. EUR 148,00
ISBN 978-3-05-005942-6
 
© 2003 Verlag Langewiesche [Impressum] [Nutzungsbedingungen]