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Computus – Zeit und Zahl in der Geschichte Europas

Zeit und Zahl sind Verhältnisse, die nicht nur für das menschliche Bewusstsein als Ganzes, sondern auch für seine kulturellen Entäußerungen entscheidend sind. Die Musik ist, wie die Architektur, seit der Antike die Kunst der ausgewogenen Proportionen, einer göttlichen Logik – und somit ewigen Gesetzen – unterworfen. Wer sich zeitlich orientiert versteht auch die Kunst zu deuten. Insofern ist Arno Borsts Großessay „Computus. Zeit und Zahl in der Geschichte Europas“ ein Schlüsselwerk für das Verständnis der Kunst, die sich in diesem Hauptwerk des großen Mittelalterhistorikers zwar nie in den Vordergrund schiebt, aber durch etliche Verweise präsent ist.
Seinem Spezialgebiet entsprechend konzentriert sich Borst in dieser äußerst konzisen tour de force auf das Mittelalter, allerdings indem er zunächst den antiken status quo im Umgang mit Zeitrechnung und Kalendern bespricht, also eine gediegene Ausgangsbasis für das Kernstück des Buches schafft – und danach munter die Epochengrenze 1500 überspringt und die Entwicklungen bis in die Gegenwart – das genauigkeitsversessene Atomzeitalter – nachzeichnet, um auf diese Weise zeigen zu können, was an unseren heutigen Taschenkalendern – und damit an unserer zeitlichen Selbstverortung – noch alles antik und mittelalterlich ist: bis auf die verbesserte Messtechnik eigentlich alles.
Man ahnt leicht, dass der Focus aufs mittelalterliche Europa offenbart, welch erdrückende Dominanz die Kirche (und in ihrem Schlepptau natürlich auch die christliche Religion) auf das abendländische Zeitbewußtsein entfalten konnte. Nicht allein, dass die Gelehrsamkeit des Computus direkt darauf ausgerichtet war, Planetenstände und kirchliche Feiertage, vor allen das schwer zu bestimmende Osterfest oder den exakten Tag Christi Geburt, überein zu bringen. Diese Gelehrsamkeit war allein durch die intellektuellen und Bildungsvoraussetzungen ausschließlich im Kloster gegeben. Interessent daher, wie uns Borst von den Skrupel der katholischen Kalkulatoren berichtet, die durch akribisches Nachprüfen der Rechnungen ihrer Vorgänger zwar Korrekturen und Neuerungen bei der Festlegung des Kalenders verzeichneten, es aber tunlichst vermieden durch allzu forsches Verwerfen des bisher Gültigen in einen Dissenz mit Rom zu treten. Interessant weiterhin, dass das stetige Wiederentdecken der römisch-antiken, aber auch der an Genauigkeit unübertroffenen ältesten jüdischen Kalenderpraxis zur beherzten Rezeption nicht führen konnte, weil die Papsttreuen religiös-kulturell keine Zugeständnisse machen wollten. Vergleichbares galt für den islamischen Einfluss auf den Computus: fünfhundert Jahre dauerte es, bis man das unpraktische römische Zahlensystem flächendeckend durch das arabisch-indische ersetzte; mehr als dreihundert Jahre, ehe die bereits erkannten Fehler des geltenden Kalenders in die Gregorianische Reform einflossen.
In einem derart knappen Band wie diesem, der eine Vielzahl unterschiedlicher Aspekte und Informationen bündelt und in einer klaren, oft plastischen Weise wiedergibt, muss der Autor zwangsläufig auf die Vorbildung der Leser vertrauen. Bisweilen muss man zwei, drei Mal lesen, um die in einem Satz versteckten Verweise auf den politischen oder philosophischen Hintergrund einer Epoche nachzuvollziehen. Es steckt alles drin. Man muss eben aufmerksam genug sein, es auch wieder rauszuholen. Man hätte sich dennoch gewünscht, Borst hätte sich 80, 100 Textseiten mehr geschenkt (dann wären’s auch nur 250 geworden), um das eine oder andere Beispiel auszuführen, die eine oder andere Anekdote auszubreiten, die eine oder andere Schlussfolgerung weiter zu begründen.
Gleichwohl ist es Borst gelungen, sein gesamtes Gelehrtenwissen zu bündeln und in ein kunst- und kulturwissenschaftlich zentrales Thema zu stecken. 1990 kam das Opus zum ersten Mal auf den Markt. 2004 legte der Wagenbach-Verlag den Band im Taschenbuch auf. Jetzt, sieben Jahre nach dem Tod des Autors, erscheint dieses in einer zweiten Auflage (anmutig gestaltet, wie von Wagenbach gewohnt). Grund genug, Borsts Werk an dieser Stelle in Erinnerung zu rufen und vielen Lesern zu empfehlen. Denn dieser Titel ist wahrhaft zeitlos.

29.07.2014
Christian Welzbacher
Computus. Zeit und Zahl in der Geschichte Europas. Borst, Arno. 192 S. Pb. Wagenbach Verlag, Berlin 2014. EUR 11,90. CHF 17,90
ISBN 978-3-8031-2492-0
 
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