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Das Bild der Welt im Mittelalter

Es gibt Autoren mit einem großartigen Gespür für ihre Leser. Solch ein Autor ist der Mediävist Folker Reichert, der uns in seinem Buch „Das Bild der Welt im Mittelalter“ mit dem Themenfeld der Karten, Reisen und Weltwahrnehmung – d.i. der europäischen Eigen- und Fremdwahrnehmung vertraut macht. Er tut dies auf eine Art, die einfühlsam, fast möchte man sagen: liebevoll ihren Gegenstand vermittelt, von dem der Autor – fraglos zurecht – annimmt, dass dieser dem großen Publikum kaum bekannt ist. „Das Bild der Welt im Mittelalter“ ist eine Einführung, wie man sie sich wünscht. Konzentriert, präzise, faktenreich und doch erzählerisch-atmosphärisch. Man lernt enorm viel und ist doch gleichzeitig angenehm unterhalten.
Es fängt an mit Isidor von Sevilla, dem Zeugen dafür, welches Bild der Welt aus der Antike ins Mittelalter überliefert wurde und wie es dort, christozentrisch umgepolt, weiterwirkte. Reichert zeigt uns dann, wie das Mittelalter die Welt in seinen Karten systematisierte, indem es sie entweder in ein sogenanntes TO-Schema presste (das große Meer umgrenzt kreisrund die drei Kontinente Asien, Europa und Afrika, die vom Mittelmeer t-förmig separiert erscheinen) oder sie auf den Nabel der Welt ausrichtete: auf die heilige Stadt Jerusalem. Mit geographischer Genauigkeit hat das wenig zu tun. Es zeigt stattdessen die Bedeutungsperspektive bei der Auffassung von Welt. Reichert nähert seinen Blick dann weiter der heiligen Stadt selbst zu und beschreibt einige markante Darstellungen dieser zentralsten unter den christlichen Pilgerstätten.
In einem eigenen Kapitel heftet er sich dann an die Fersen eines Pilgers, in dem er die spätmittelalterlichen Quellen aus der Feder des Niederrheiners Arnold von Harff auswertet: fraglos ein erzählerischer Höhepunkt, denn Arnolds Aventure wird so anschaulich nachvollzogen, dass man sich (bis hin – kurios – zum Toilettenpapier) eine solche Reise, ihre Unwägsamkeiten und Strapazen lebhaft durchaus vorstellen kann. So geht es munter weiter. Reichert erklärt uns, was der mittelalterliche Europäer an den Rändern der Erde vermutete: Leute ohne Kopf, mit einem Bein, das als Regenschirm dient, einem Hundekopf, einem einzige Auge – und er zeigt uns dazu die Bilder aus den illuminierten Handschriften und Inkunabeln des Drucks. Dann wendet er sich jenen exotischen Bereichen der Erde zu, über den die Europäer tatsächlich etwas wussten, China etwa (bekannt durch die Handelswege der Seidenstraße), oder, viel näher, die türkischen Muslime.
Gegen Ende des Buches zeigt sich in den ausgewerteten, porträtierten Kartenwerken dann, wie die Wissenschaftsdämmerung allmählich das religiöse Weltbild überlagert. Die Karten werden nun exakt in einem Sinne, mit dem wir auch heute noch etwas anfangen können: sie sind nicht mehr Sinnbilder einer Weltanschauung, sondern maßstäbliche Abbilder der real existierenden Welt. Als solche dienten sie dann auch praktischen Zwecken: der Schiffahrt, die im 15. Jahrhundert von Europa aus Mittel der Welteroberung wurde. Mit diesen Novos Mundos, den überseeischen Neuen Welten in Amerika, endet Reicherts Buch – ein Buch, das man getrost einem breiten Publikum (auch schon aufmerksamen, begeisterungsfähigen jüngeren Lesern) empfehlen möchte – und anderen Autoren als Vorbild, dass man mit Geschick, Lust und Erzählvermögen jeden Stoff so aufbereiten kann, dass er im Leser (und im Rezensenten) helle Begeisterung auslöst.

18.12.2014
Christian Welzbacher
Das Bild der Welt im Mittelalter. 160 S., 80 fb. Abb. 29 x 22 cm. Gb. Primus Verlag, Darmstadt 2013. EUR 39,90 CHF 53,90
ISBN 978-3-86312-370-3
 
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