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Weltvermesser – Das goldene Zeitalter der Kartographie

Karten, Globen, Instrumente. Mathematisches Wissen. Reiche Mäzene. Ein schier unstillbares Verlangen nach Repräsentation, ja und nach Macht – All das und noch mehr haben die Herausgeber in die knapp 400 Seiten ihres wunderbaren Kataloges gepackt, der uns von „Weltvermessern“, den Kartographen der frühen Neuzeit zwischen 1500 und 1800 erzählt. In seinem Aufbau als Begleitband zur leider längst geschlossenen gleichnamigen Ausstellung am Weserrenaissance-Museum Brake konzipiert, besteht der erste Teil der großformatigen Publikation aus 13 Aufsätzen, der zweite Teil aus Bildern und Erläuterungen der ausgestellten Gegenstände. Man muss, und das liegt in der Natur des Kataloggenres, fleißig hin und her blättern, um zur Information die Abbildung, zur Abbildung mehr Information zu bekommen – aber das sorgt dafür, dass man nicht einschläft, zumal man den stolzen, bilderdruckpapierschwergewichtigen Band ohnehin kaum ins Bett mitnehmen wird.
Scherz beiseite: Man wird schon deshalb nicht einschlafen, weil der hier präsentierte Gegenstand und auch die Präsentation spannend sind. Die 13 Aufsatzautoren geben sich inhaltlich (stilistisch leider nicht immer) die Klinke in die Hand, sodass der Leser einen großen Rundumschlag der Geschichte der Kartographie geboten bekommt: Vom Rekurs der Geometer und Geodäten um 1500 auf die mathematischen Strategien der Antike, die die Vermessung und Kartographie – meist von Fürstentümern – in neuartiger Genauigkeit möglich machte bis hin zur Eroberung neuer Welten, die mit Columbus’ Indienfahrt 1492 zu einem Wettlauf der Weltbeherrschung wie der Weltvermessung führte: Italiener, Spanier, Portugiesen, Franzosen, Niederländer, Belgier, Deutsche, Bürger, Adlige, Prinzen und Könige wetteiferten um die besseren Karten, um, ja, um die besseren Karten bei der Eroberung, Erschließung und Ausbeutung neuer Territorien zu haben.
Was die Autoren hier erzählen ist die beispielhafte Geschichte vom angewandten Wissenstransfer. Er erfolgte, ganz ähnlich wie noch heute, aus strategischen, politischen, wirtschaftlichen Gründen. Die Karten – deren Schönheit man, zumal dank der hervorragenden Abbildungsqualität (mit Aufklappseiten!) schnell erliegt – waren also keineswegs Selbstzweck. Sie waren vielmehr Instrumente und Repräsentanten der Macht, schon allein aufgrund ihres Preises. Die grobe Transferrichtung zwischen 1500 und 1800 verlief von Belgien (mit dem Zentrum Antwerpen) über die Niederlande (mit dem Zentrum Amsterdam) über Frankreich (Paris) nach Deutschland. Der Handel mit Karten war bereits frühzeitig länderübergreifend, wobei nicht wenige Atlanten – wie die zu Büchern gebundenen Karten-Sammel-Werke genannt wurden – von Fürsten in Auftrag gegeben wurden.
Bei all dem saßen die Ausstellungsmacher keineswegs im Elfenbeinturm ihres faszinierenden, wunderbaren Themas fest. Denn über den engeren Betrachtungszeitraum hinaus gelingt es den Katalogautoren immer wieder, ihr Thema mit der Gegenwart zu verknüpfen. So spielen Kartenfehler und Messirrtümer, die durch unzulängliche Methoden genauso wie durch den Glaube an uralte Mythen hervorgebracht werden konnten, immer wieder eine Rolle – aber wer meint, beides sei im Zeitalter der Digitaltechnologie ausgestorben, wird dank der Lektüre eines besseren belehrt. An anderer Stelle ist auch die „Prekarisierung“ von Forschung im Zeitalter der „Universitas Bolognese“ ein Thema, da sie Langzeitprojekte unmöglich macht – und das gilt nicht allein für die Geographie und Mathematik, die weiterhin Grundlagen der Kartographie sind, sondern auch für die Analyse historischer Kartenbestände.
Zusammenfassend lässt sich also sagen: „Weltvermesser“ ist ein rundherum gelungener Band, der sich als Überblickswerk zum Thema genauso eignet, wie zum Einstieg in aktuelle Forschungsfragen. Nur eines kann der auf Reproduktionen angewiesene Band nicht: die Aura der Originale, die in der Ausstellung zu sehen waren, mit der ganzen Kraft der Authentizität wiedergeben. So macht die Publikation fast ein wenig wehmütig, dass die Karten, Globen, Atlanten und Gerätschaften, die im Schloß Brake zu sehen waren, jetzt wieder in den Depots und Archiven verstaut wurden (davon zahlreiche aus den Beständen der Staatsbibliothek zu Berlin) und dass man nicht nach Herzenslust immer wieder an einen Ort zurückkehren kann, wo die Fülle der Weltvermessung in ihrer ganzen Wucht und Bedeutung nachvollziehbar und -erlebbar ist.

27.02.2016
Christian Welzbacher
Weltvermesser. Das goldene Zeitalter der Kartographie. Hrsg.: Michael Bischoff, Vera Lüpkes, Rolf Schönlau, Weserrenaissance-Museum Schloss Brake, Lemgo. 2015. 392 S., 375 fb. Abb. 30 x 24 cm. Br. EUR 48,00




ISBN 978-3-95498-180-9
 
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