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Der glückliche Kunsträuber – Das Leben des Vivant Denon

Die "Mona Lisa" hängt im Südflügel des Louvre, der nach Denon benannt ist. Doch wer kennt Denon?
Den erfolgreichsten Kunsträuber des 19. Jahrhunderts mit den drei großen, es gab auch kleinere, Lieben: Zur Kunst (auch zum Zeichnen, Gravieren), der venezianischen Freundin, zu Napoleon. Der sich hier vor der kulturellen und politischen Hintergrundkulisse eines Europa grundstürzender Veränderungen durch Guillotine und einen eroberungssüchtigen Napoleon zu jenem schillernden Charakter entwickelt, den der Autor aus Fakten, Legenden, Anekdoten, Vermutungen herausschält.

Früh am Hof von Ludwig XV. Schriftsteller, Künstler, Kunstliebhaber, Kunsthändler, sammelt, zeichnet und graviert er Kunstobjekte als Privatreisender und dann französischer Diplomat in Italien. Ein lebenslanger Briefwechsel verbindet ihn dort mit der geliebten Freundin, leserfreundlicher Leitfaden, der ihn uns auch als eloquenten Briefeschreiber und zärtlichen Liebhaber zeigt. Kunstkenner und Kunstliebhaber bis zum Exzeß und deshalb mit Napoleon 1798 in Ägypten, wird er 1802 und bis zu dessen Niederlagen 1815 Generaldirektor des Louvre und auch für des Kaisers öffentliche künstlerische Präsentation zuständig. In den mehr als zehn Jahren davor raubt er im Gefolge von Napoleons Kriegen in ganz Europa Kulturgüter, besonders in Italien und Deutschland. Wo er auch Goethe trifft und das besiegte Preußen von 1806 bis 1815 auf seine Berliner Quadriga verzichten muß. Mehr noch als diplomatisches Geschick helfen ihm bei diesen Unternehmungen das Talent zu kunsthistorischen Kategorisierungen, es ist das Zeitalter Winckelmanns, und sein schier unglaubliches Gespür für den Wert künstlerischer Darstellungen unabhängig vom gängigen Zeitgeschmack. So führt er zum Erstaunen seiner deutschen Kollegen auch damals als primitiv geltende deutsche Maler des 16. Jahrhunderts wie Dürer nach Paris "zurück", die übliche, Kunstraub legitimierende Diktion.

Sie sind der Schmuck militärischer Siege, all diese zehntausende Kulturgut-Trophäen, für die Denon dann in Paris Ausstellungen organisiert die ein Publikum aus ganz Europa anlocken; auch Kataloge werden gedruckt. Er ist auf dem Gipfelpunkt seines Wirkens, 1810 darf er Napoleons zweite Hochzeit mitgestalten. Doch eng an Napoleon gebunden, wird dessen Niederlage auch zu seiner. Und der Louvre leer. Fast. Denn zwar können die meisten Kunstobjekte restituiert werden, doch viele sind nicht aufzuspüren und bis heute in Frankreich. Beispielhaft dafür und wie ein Kapitel in einem Kriminalroman lesen sich die zwei Etappen der deutschen Restitutionsverhandlungen in Paris. Dort verzögert auch Denon die Rückführung deutscher Kunstwerke, die nicht weltbürgerlich geprägten deutschen Gelehrten wie Jacob Grimm und Alexander von Humboldt, sondern erst durchsetzungsstarken preußischen Militärs gelingt. Denon verbringt seine letzten Lebensjahre in und mit seiner bedeutenden Privatsammlung, die nach seinem Tod 1825 versteigert wird.

Das Lehrbeispiel, gelegentlich zu detailliert und anekdotenverhaftet eines, so Anatol France, glücklichen Kunsträubers? Vielleicht. Aber mehr noch ein gelungenes Personen- und Zeitbild, mit dem ein breites Publikum die historische Dimension aktueller Kunstraub-Diskussionen anschaulich nacherleben kann.

29.03.2016
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
Der glückliche Kunsträuber. Das Leben des Vivant Denon. Kaiser, Reinhard. 399 S. 16 fb. Abb. 22 x 14 cm. Gb. C.H. Beck Verlag, München 2016. EUR 24,95.
ISBN 978-3-406-68878-2   [C. H. Beck]
 
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