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The ivory Mirror – The Art of Mortality in Renaissance Europe

Die Omnipräsenz des Todes im Leben – dieses Phänomen verbindet man eigentlich entweder mit dem Mittelalter (etwa in Form der Totentänze) oder mit dem Barock („Vanitas“). Der wunderbare Katalog „The ivory mirror“ (Der marmorne Spiegel) erinnert jedoch daran, dass es eine Kontinuität des „Memento mori“ in all seinen Spielarten auch in der dazwischenliegenden Periode, der Renaissance, gab. Es geht im Buch (und der zugehörigen Ausstellung) in erster Linie um Elfenbeinarbeiten, die sich mit Tod und Leben befassen. Die berühmten „Tödlein“, feingliedrigen Skelettmodelle, oft mit Hautfetzen und Würmern bei der Arbeit, die in eigens angefertigten Särgen liegen. Aber auch die plastischen Porträts, aus Kugeln herausgearbeitet, deren Rückseite ein ebenso plastischer Schädel zeigt.
In vielen europäischen Museen kann man solche Stücke bewundern. In Köln im Schnütgen, in Berlin im Kunstgewerbemuseum etwa. Ein Thema jedoch hat man daraus in Amerika gemacht: Buch und Ausstellung sind das Werk des Bowdoin College Museums of Art, das in Brunswick, im US-Bundesstaat Maine angesiedelt ist. Das Institut hat es verstanden, Artefakte der eigenen Sammlung mit Manuskripten und Drucken zu kombinieren und daraus eine kleine, aber umfassende Schau zusammenzustellen – wie der Katalog geradezu mustergültig zeigt. Hervorragende Abbildungsqualität und gelehrte Texte runden die Sache ab: eine kulturhistorische Einführung, ein ausführlicher Aufsatz über den Tod als Thema illustrierter Manuskripte (Sensenmänner, betende Skelette, Siechende, Sterbende und natürlich christliche Märtyrer), ein weiterer über die Elfenbeinkunst in all ihren Formen und Facetten (bis hin zu Details, wie den geschnitzten Kröten, die schon an den mittelalterlichen Figuren des hoffärtigen „Herrn der Welt“ nagten), schließlich ein Aufsatz über den Tod in der Dichtung – Shakespeares Sonette etwa nehmen den Topos der Vergänglichkeit immer wieder auf und variieren ihn: auch sie ein Beispiel für die „Vanitas“ in der Renaissancekultur Europas. Ein Text über das Sammeln der hier gezeigten und analysierten Stücke rundet den Band ab.
Es ist schade, dass das Bowdoin College Museum so weit entfernt ist – schade auch, dass sich (soweit herauszufinden war) kein europäisches Museum zur Übernahme der Schau bereitgefunden hat. Umso schöner daher, dass der Katalog demonstriert, zu welchen kunsthistorischen Höhenflügen Forschungs- und Sammlungsinstitutionen fähig sind, wenn sie spannende Themen finden und dazu gleich die Muße, diese zu bearbeiten. „The ivory mirror“ ist daher nicht nur ein spannendes Buch für Freunde der Renaissance und des Todes, sondern auch eine Mahnung, das Leben nicht mit Pseudogelehrsamkeit zu verplempern, sich stattdessen lieber auf tiefschürfende Weise dem Wesentlichen zu widmen.

18.01.2018
Christian Welzbacher
The ivory Mirror. The Art of Mortality in Renaissance Europe. Hrsg. von Stephen Perkinson für das Bowdoin College Museum of Art, Brunswick, Maine, USA. Englisch. 280 S., 190 fb. Abb. Gb. Yale University Press, New Haven und London 2017.
$ 50.00 EUR ca.58,00
ISBN 978-0-3002-2595-2
 
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