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Die kirchliche Barockarchitektur in Bayern und Oberschwaben

Ein großer deutscher Kunstbuchverlag wirbt - in Anlehnung an Johann Wolfgang von Goethe - seit längerem mit dem Spruch: "Man sieht nur, was man weiß." Die beim Betrachter aufgerufene Assoziationskette ist überdeutlich: Nur der Gebildete kann verständig mit Kunstwerken umgehen und Bildung erwirbt man sich in erster Linie durch Lesen. Das umgekehrte Leitmotto hat Bernhard Schütz gewählt: "Sehen ist Wissen." Der an der Münchener Universität mit großem Erfolg lehrende Architekturhistoriker vertritt die Position, dass man, um "Architektur erfassen zu können, nicht so sehr Wissen als vielmehr Erfahrung braucht, die sich aus dem Umgang mit Werken ergibt. Nötig sind hierfür zuallererst frische Sinne und die Bereitschaft, die Mühe des ‘Lesens’ von Architektur auf sich zu nehmen. Ein Genuss, die Lust an der Sache, kommt hiernach von allein." Nach seinen beiden im Herder-Verlag erschienen Büchern über die Architektur der Deutschen Romanik (1989) und den Meister des fränkischen Barock, Balthasar Neumann, (1987) ist nun bei Hirmer sein jüngstes umfassendes Werk erschienen. Es behandelt die in der Neumann-Monographie ausgesparten Bereiche, die Kunstregionen von Bayern und Oberschwaben zwischen 1580 und 1780. Der Hirmer-Verlag kann sich glücklich schätzen, diesen Autor gewonnen zu haben, denn nun sind aufs Beste höchste verlegerische Qualitäten mit einem fesselnd und anschaulich formulierten Text vereint.
Schütz klärt zunächst die Rahmenbedingungen der Architektur: er bestimmt kurz und prägnant die historischen Voraussetzungen, die Rolle der Bauherren und die Architekturprinzipien. Dann wendet er sich der Architektur selbst zu, mehrheitlich Sakralbauten, weil eben in diesen Jahrhunderten hauptsächlich Kirchen und Klöster errichtet worden sind. Ordnungskriterium ist die Bautypologie, also in diesem Falle die grundsätzliche Unterscheidung in Longitudinal- und Zentralbau nebst allen kleineren Unterteilungen wie etwa dem Wandpfeiler-Emporen-Saal, der Basilika oder dem bipolaren Zweikonchenbau. Dies erlaubt, nahezu jede in dieser Zeit errichtete Architektur zumindest zu erwähnen. Zentral wichtig ist für Bernhard Schütz die Entwicklungsgeschichte: Der Barock beginnt in Bayern seiner Analyse nach mit einem "Paukenschlag", der Jesuitenkirche St. Michael in München. Besonders eindrucksvoll ist bei diesem Bau die Tonnenwölbung des Saales, die mit ihren 20 Metern Spannweite eine der größten in der Geschichte der Architektur ist. In den Worten des Autors war "die monumentale Kirche ein radikaler Neuanfang, ein Gründungsbau für eine neue Epoche, der alles in den Schatten stellte, was damals nördlich der Alpen an Sakralbauten entstand." Es folgen der Wandpfeiler-Emporensaal nach dem 'Voralberger Münsterschema’, das wiederum durch Johann Michael Fischer reformiert wurde: "Fischer brachte in einem Geniestreich neues Leben in die alten, etwas festgefahrenen Bahnen der Wandpfeilerbauweise. Er entwickelte sie weiter, indem er sie mit der kurvierten Bauweise böhmischer Provenienz zu etwas Neuem vereinigte." Abgeschlossen wird die Bautradition durch die Abteikirche in Wiblingen, wo klassizistische Architekturelemente - den Geist der beginnenden Aufklärung ankündigen - die Kirche wird in einem separaten Kapitel vorgestellt. Bereits an den wenigen Zitaten wird deutlich: Bernhard Schütz ist ein Meister der anschaulich formulierten, zuweilen sehr wortmächtigen Bauanalyse, die aber auch den Sinn, die Bedeutung der Kirchen zu entschlüsseln weiß. So besteht etwa die zentrale Aufgabe des Säulenprospektes in der Abteikirche von Zwiefalten darin, die Kirche zu nobilitieren: "an ihnen teilt sich mit besonderer Würde das Thema ‘Reichsabtei’ mit."
Mit der Lektüre erschließt sich ein großartiges Panorama der süddeutschen Barockarchitektur. Bernhard Schütz stellt das Handwerkszeug zur Verfügung, die Begrifflichkeit, die man benötigt, um diese Architektur analysieren und verstehen zu können. Dabei wendet er sich radikal von einem Barockverständnis ab, bei dem dieses als "Instrument einer Inszenierung des großen Welttheaters" gelesen wird (Hermann Bauer: Barock. Kunst einer Epoche, Reimer, Berlin 1992). Zwar bestreitet auch Schütz nicht, dass vornehmlich der Dekor für die besonderen Stimmungswerte der Barockarchitektur sorgt, den Schwerpunkt seiner Betrachtung bilden aber Wandsystem, Raumproportionen und Blickführung. Damit macht er wiederum den Blick frei für eine Architektur, die lange Zeit als skurril, bizarr, überladen, unklar, verworren oder gar verkünstelt beschrieben worden war. Hierin liegt die eigentliche Leistung des Buches, das überdies glänzend ausgestattet ist: Fast alle der erwähnten Bauten sind im Text in Grund- und Aufriss und im separaten Tafelteil in konturreichen und überdies sehr eindrucksvollen s/w- oder Farbaufnahmen präsent. Auch zwei Architekturisometrien von Gerd Schneider finden sich abgebildet. Auf diese ist gesondert hinzuweisen, weil sie zu den besten Architekturdarstellungen überhaupt gehören, einzig vergleichbar den Zeichnungen Raffaels oder den Gemälden des Niederländers Pieter Saenredam. Wer hiervon mehr sehen möchte, sei auf die eigenständigen Publikationen Schneiders im Reichert-Verlag Wiesbaden hingewiesen.
Alexander Markschies
Bernhard Schütz (Text)/Albert Hirmer (Aufnahmen): Die kirchliche Barockarchitektur in Bayern und Oberschwaben. 341 S.; 168 Zeichnungen; 248 Abb., dav. 55 fb.; 30 cm; HC; Hirmer, München 2000. EUR 75,80
ISBN 3-7774-8290-0
 
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