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Roger Melis. Am Rande der Zeit

Roger Melis wunderbare Uckermark-Fotografien– zu anderer Zeit, in einem anderen Land.

„Was für Moskau das Künstlerdorf Peredelkino war, wurde für Berlin ein etwa 150 Kilometer breiter Grüngürtel um die Stadtgrenze, in dem sich nach und nach in fast jedem Dorf ein, zwei oder drei Berliner ansiedelten, die dort ihre je eigenen und ganz unterschiedlichen ‚Sommerstücke‘ aufführten. Christa Wolf, Monika Maron, Christoph Hein und andere haben sie später Literatur werden lassen…“

Der Autor dieser Zeilen erlebte als Kind die Landflucht der ostdeutschen Intellektuellen nach dem Prager Frühling unmittelbar mit. Mathias Bertram, Ziehsohn Roger Melis‘ und Herausgeber der wunderbaren Fotografie-Reihe Bilder und Zeiten im Lehmstedt Verlag, hat ein erhellendes Vorwort zu den vorliegenden melancholisch wie zeitlosen Landschafts- und Menschenporträts verfasst. Angeregt durch den amerikanischen Fotografen Paul Strand hielt Roger Melis seit den siebziger Jahren die malerische bewegte Landschaft der Uckermark und ihr ländliches Leben in Schwarz-Weiß-Bildern fest. Selbst in Hessenhagen angesiedelt, einer Handvoll verstreuter Neubauernhäuser um ein Gutshaus, begann Melis, dessen Dorfbewohner zu porträtieren. Einer Fortsetzung zum 2007 bei Lehmstedt editierten Band „In einem stillen Land“ gleich ist auch in diesem Buch der Alltag der Uckermärker in Szene gesetzt. Holzfäller, Waldarbeiterinnen, Maurer und Schornsteinfeger. Übungen der Freiwilligen Feuerwehr und die jährlichen Hausschlachtungen zogen den ehemals wissenschaftlich-medizinischen Fotografen in Bann.
Dem Betrachter springt die intensive Weichzeichnung der Bilder ins Auge, eine Überhöhung der Kontraste. Die titellosen Bilder nehmen ihrem Raum ungestört in Besitz. Ein doppelseitiges Gewitterpanorama erzeugt besonderen Bann. Hier ballen sich Wolken auf und stechen Baumwipfel bedrohlich in den Himmel. Das dunkle Feld liegt wie flach gebürstet im Vordergrund und über dem einzigen hellen Streifen in der rechten Bildmitte erahnt der Betrachter eine Gruppe Menschen. Tatsächlich. Ganz winzig und klein drängt sich eine Handvoll Figuren aneinander, unter einem Dunkel, das aus der linken Bildhälfte herüberwächst und über kurz oder lang auch diese Menschlein verschlingen wird. Ein uckermärkischer Totentanz, ein unheimlicher Reigen!

Auf einem anderen Bild schaut ein Mädchen in die Kamera, offen und kess. Eine ältere Frau mit sorgfältig hergerichteter Frisur und Blumenkleid lehnt schräg in einem Campingstuhl, ihr Lächeln ist flüchtig. Ein Mann im gestreiften Hemd sitzt vor einem Haus, neben sich die Flasche Bier, die Zigaretten. Irritierend sind die Hausschuhe, die er an den Füßen trägt. Zwei Seiten weiter zeigt ihn ein anderes Bild, lachend, ein Luftgewehr im Arm haltend. Umringt von Freunden auf ihren Mopeds, kurz bevor sie sich jaulend und knatternd in den Wind legen werden. Und dann wieder ein Feld, eine Hauswand, ein Baum. Regen, Schnee, Blüten und Feuer…
Das ist Poesie in Reinform, ein Innehalten der Zeitläufte. Dorfleben in Urform. Das Verschnaufen vor dem letzten großen Umbruch des vergangenen Jahrhunderts. Dank an Herausgeber und Verlag für die einfühlsame Bewahrung des Werkes des 2009 verstorbenen Künstlers Roger Melis!

21.12.2010

Anne Hahn
Melis, Roger. Am Rande der Zeit. Fotografien 1973-1989. 112 S. 96 Duoton Abb. 27 x 24 cm. Geh. Lehmstedt Verlag, Leipzig 2010. EUR 24,90
ISBN 978-3-937146-70-6
 
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