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Yva. Photographien 1925 - 1938

Die meisten Monographien zu Fotografinnen und Fotografen zeichnet aus, dass ihre Protagonisten von der Zeit und den Umständen, unter denen sie leben und arbeiten, isoliert werden. Sie essen nicht und trinken nicht, haben keine Freunde, sehen sich nicht die Arbeiten der Kollegen an, gehen in keine Kunstausstellungen und drücken auch kaum mehr als einmal auf den Auslöser, um eine gelungene Aufnahme zu erhalten. Dieserart wird jedes Bild zum Kunstwerk, und der Fotokünstler und die Fotokünstlerin thronen in einer höheren Sphäre, die nur einem einzigen, dem bewundernden Blick zugänglich ist. Keine stilistischen Vorgänger schmälern die ein-maligen Entwürfe, keine anderen Lichtbildner stören die einsame Größe, keine politischen, sozialen oder kulturellen Entwicklungen tangieren das Schaffen des Genies.
Insofern bereitet es regelrecht Vergnügen, ein Buch ganz anderer Machart in Händen zu halten. Marion Beckers und Elisabeth Moortgat haben den Werdegang einer Fotografin, die in den 1920er und 30er Jahren Karriere gemacht hat, nicht nur mit Daten und Illustrationen nachgezeichnet, sondern diesen auch eingebettet in die Gegebenheiten und Verhältnisse der beiden Dekaden. Die Rede ist von Else Ernestine Neulaender, die 1900 in Berlin als Tochter kleiner Kaufleute geboren wird. Sie absolviert entweder eine Fotolehre in einem Atelier oder einen Kursus an der Photographischen Lehranstalt des Lette-Vereins. 1925 eröffnet sie ein Studio und firmiert fürderhin unter Yva. Gefertigt werden neben Porträts vorwiegend Akte, Mode- und Reklameaufnahmen für Magazine und illustrierte Zeitschriften. Bereits 1927 wird die Fotografin mit einer Einzelausstellung in der Galerie Neumann-Nierendorf gewürdigt – es sollte jedoch zu Lebzeiten die einzige blieben –; 1929 sind Arbeiten von Yva in der „Film und Foto“ Schau des Werkbundes vertreten. Ab 1933 ist sie als Jüdin in ihrem Schaffen zunehmend eingeschränkt. 1934 verheiratet sich Else Neulaender mit dem Kaufmann Alfred Simon, der die kaufmännische Leitung ihres Ateliers übernimmt. Mitte 1942 wird das Ehepaar von der Gestapo verhaftet und vermutlich im Konzentrationslager Majdanek/Sobibor ermordet. Yva hat sich auf zwei Feldern besonders hervorgetan: Sie entwarf sogenannte Sandwich-Montagen, bei denen ein Bild durch die gleichzeitige Belichtung von zwei oder mehreren übereinandergelegten Negativen entsteht. Und sie produzierte Bildgeschichten nach Ideen von Friedrich Kroner, Chefredakteur des UHU, der diese dann – ergänzt um Texte und Legenden – in dem populären Magazin publizierte. Yva hat sich also von der Fixierung des Einzelfotos auf einen einzigen Ort und einen kurzen Moment gelöst, um mehrere Bilder in eine Kombination mit narrativen Effekten zu überführen. Damit hat sie einen nicht unwesentlichen, teils sogar originären Beitrag zur avantgardistischen Fotografie des Neuen Sehens in der Weimarer Republik geleistet.
Timm Starl
Marion Beckers, Elisabeth Moortgat: Yva. Photographien 1925 - 1938 /Photographies 1925 - 1938, 239 S.; 218 Abb.; 28 cm: HC; 2001. EUR 39,90
Zur Zeit vergriffen, Neuauflage unbestimmt
ISBN 3-8030-3094-3   [Wasmuth]
 
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