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Tolle Jahre

Am 4. März 1898 kommt im südtiroler Trentino ein Mann zur Welt, der mit seiner Kamera ein herausragender Zeuge des Wiener Lebens der zwanziger und dreissiger Jahre werden sollte. Genau wie sein Vater Luigi, wählt der besagte Mario Wiberal das Pressemetier zu seinem Beruf. Anders jedoch als sein Vater, der als Parlamentskorrespondent das in Triest erscheinende Zentralorgan der italienischen Sozialdemokratie in Österreich, ‚Il Lavatore‘, mit Nachrichten aus der Regierung versorgt, sollte Mario Wiberal mit seiner Kamera und nicht dem Stift ausgestattet die vielen Facetten des Wiener Lebens in seiner Pressefotografie abdecken.
Zum Ausgangspunkt für eine Erkundung Wiberals Werk eignet sich hervorragend der Fussball, zieht sich dieser wie auch die gesamte Welt des Sports durch die gut 30 dargestellten Jahre des bildnerischen Schaffens des Dokumentaristen. Ebenso verfährt Wolfgang Manderthaler bei dem im Album Verlag erschienenen „Tolle Jahre. Sport, Gesellschaft, Politik in Österreich. Der Fotograf Mario Wiberal“. Versammelt sind hier auf knapp 90 Seiten die verschiedensten Arbeiten Mario Wiberals, die er als „Fotographenreporter“ unter anderem beim „Telegraf“ und beim „Echo“ publizierte.

Da ist etwa das Bild des in Österreich unvergessenen Willi Hanemann. 1940 fotografiert Wiberal den Spieler, der aufgrund seines dunklen Teints auch „Der Zigeuner“ genannt wird, quer in der Luft liegend, die Augen weit aufgerissen und auf das gegnerische Tor gerichtet, das rechte Bein weit nach vorne gereckt. Er hat als Spieler gerade auf das gegnerische Tor geschossen. Schaut man genau auf dieses Bild, entdeckt man eine zweite Schicht, die bei nur oberflächlichem Hinschauen sich leicht der Aufmerksamkeit entzieht und den Betrachter gleichsam in die Lebensgeschichte Wiberals entführt. Als Kapitän der Wiener Mannschaft Admira trägt er die in der damaligen Zeit obligatorische Hakenkreuzbinde, oder besser gesagt, sollte er tragen. Auf dem Bild jedoch findet sich eine mit zartem Stift ausgeführte, kaum erkennbare Retousche, die genau diese Binde verdeckt und das Bild aus seinem historischen Kontext herrausreißt und für die Nachgeborenen verklärt.
Der Grund dafür ist Wiberals politische Einstellung. Der Fotograf hat einige seiner Bilder im Nachhinein auf diese Art verändert, um die Spuren einer unschönen gemeinsamen großdeutschen Vergangenheit aus seinen dokumentarischen Bildern zu verdrängen. Wiberals Hinwendung zur fotografischen Dokumentierung sportlicher Großereignisse war jedoch keine Wendung hin zum Unpolitischen, es waren die Umstände der Zeit, die den Fotografen zu diesem Schritt drängten. Um in den Jahren, in denen die Darstellung des Todes und des Elends, das sich seinen Weg auch in die Hauptstadt Österreichs gebahnt hat, überleben zu können, verlegt er seine Tätigkeit auf die Sportfotografie. Seinem Antrag beim Reichsverband der deutschen Presse auf “Eintragung in die Berufsliste der Schriftleiter” - der journalistischen Akkreditierung im Dritten Reich - wird nicht entsprochen, da der politisch verantwortliche Gau-Personalamtsmitarbeiter seine politische Herkunft als “kommunistisch” bewertet.
Wiberals Vorkriegswerk hingegen ist sicherlich nicht unberührt vom Fußball, seine bekanntesten Bilder entstammen diesem Sport, sie zeigen jedoch seine Heimatstadt Wien und Österreichs von einer Seite, die zwischen der Welt des schönen Scheins und dem bitteren Elend der Landbevölkerung changierend das Wesen der Menschen auszumachen versucht. In genau dieser Ordnung, im Buch wird diese Serien „Menschen“ betitelt, findet sich eine Aufnahme von Josephine Baker von 1928. Die zu diesem Zeitpunkt 22 Jahre alte Tänzerin sitzt in einem edel aber nicht übertrieben ausgestatteten Wiener Café und nimmt den Betrachter des Bildes mit einem breiten Grinsen in ihren Bann. Flankiert ist sie von einer reinen Männergesellschaft, die, Kaffee trinkend und Karten spielend, von der Tänzerin keine Notiz zu nehmen scheint. Zwischen diesen beiden Gruppen, den Männern und Baker, tut sich in dem Bild eine Spannung auf, die von den realen Verhältnissen aus betrachtet, noch befremdlicher wirkt. Baker, die durch den heute vergessenen Dichter Karl Gustav Vollmoeller 1925 nach Paris und Berlin vermittelt wurde, hatte in diesen Jahren den Höhepunkt ihrer Karriere. Engagements in den wichtigen Häusern in den Metropolen Europas unterstrichen ihre Bedeutung und die Presse riss sich nach Aufnahmen von ihr, in denen sie möglichst knapp bekleidet war. Ihren einzigartigen Tanzstil, der nicht zuletzt durch viel mehr nackte Haut als gewöhnlich die Gemüter der Zeitgenossen erregte. Ihre eigenartig isolierte Präsenz in einem „kleinen Wiener Café“, wie es der Untertitel verdeutlicht, wirkt vor diesem Hintergrund umso merkwürdiger und lässt möglicherweise Schlüsse auf das Leben eines Menschen zu, deren wichtigster Bestandteil der bis heute unvergessene Bananenrock war.
Eine deutlichere Traditionslinie, die sich in den Werken der „Menschen“-Serie widerspiegelt, ist die der sozialdokumentarischen Fotografie. Wiberal als den europäischen Walker Evans zu stilisieren ist sicherlich falsch, hat er sich doch der Josefine Baker und der Caféhauskultur völlig entgegengesetzten Welt der Armen, Bettler und Obdachlosen aus einem ganz anderen Interesse zugewandt als der amerikanische Übervater Evans der Entdeckung und Darstellung der unteren Klassen. In Wiberals Werk finden sie sich nicht in der Breite und Tiefe dargestellt, wie etwa bei dem fünf Jahre jüngeren Amerikaner, dessen erste fotografische Arbeiten mit Mario Wiberals Entdeckung im Wien der 20er und 30er Jahre zusammenfallen. Wiberal versteht sich nicht als der Künstler, es geht ihm um die Darstellung der Realität, wie es auch seinem Auftrag als Pressefotograf ansteht. Ob es ihm bewusst war oder nicht, er hat mit seinen Arbeiten als einer der ersten Zeugnisse einer längst vergangenen Welt geschaffen, deren Bild heute nur noch in der Literatur und der bildenden Kunst der Jahre festgehalten ist, sich aber nicht oft in dieser Klarheit und Vielfältigkeit zeigt.

09.05.2011
Jan Hillgärtner
Tolle Jahre. Sport, Gesellschaft, Politik in Österreich 1920-1960. Der Fotograf Mario Wiberal. Hrsg. Maderthaner, Wolfgang. 96 S., 80 Abb., 27 x 23 cm, Gb. Album Verlag, Wien 2010. EUR 35,00
ISBN 978-3-85164-184-4
 
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