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Deutschland im Fotobuch

Das Bilderbuch ist ein populäres Medium und als solches ideal geeignet, den Leser (Betrachter) zu fesseln, zu binden, zu beeinflussen. Schlagender Beweis dafür ist der grandiose Band „Deutschland im Fotobuch“, diesen Herbst im Göttinger Verlagshaus Steidl erschienen. 287 Fotobücher hat Thomas Wiegand für seine „Ausstellung zwischen Buchdeckeln“ (Vorwort) zusammengestellt, um zu zeigen, was mit dem Thema „Deutschland“ seit 1915 so alles angestellt werden konnte. Ein weiter Bogen wird gespannt, thematisch, ästhetisch, ideologisch, künstlerisch. In elf sehr allgemein gefassten, knapp eingeleiteten Kapiteln „Anthologien“, „Menschen“, „Arbeit“, „Städte“, „Typisch“) stehen sich unterschiedlichste Bücher gegenüber, jeweils zeitlich aneinandergereiht, durch eine kurze, oft persönliche Kommentierung, eine Datensammlung und mehrere charakteristische Beispielseiten vorgestellt.
Dieses einfache und unaufdringliche Konzept geht auf. Man ist sofort in den Bann gezogen. Schon nach wenigen Dutzend Seiten beginnt das „Arbeiten“ mit diesem Buch der Fotobücher, das Hin-und-her-Blättern, das Vergleichen der Motive, der Erscheinungsdaten, der Autoren, der Kontexte, Absichten, Künstler. Und es steigert sich zu einer Begeisterung, die nicht aufhört, bis man es bis ans Ende des opulenten Bandes geschafft hat, ermüdet, ermattet, erschlagen, aber voller Lust, gleich wieder von vorn zu beginnen. Tatsächlich: Man hätte den Verlag zwingen sollen, in einem Beipackzettel vor den Nebenwirkungen schlafloser Bildbuchnächte zu warnen, die diese Sammlung bereitet.

Natürlich ist ein Band dieser Art weder eine wissenschaftliche Untersuchung noch eine positivistische Auflistung jeder Fotobuchproduktion über Deutschland. Er schöpft jedoch seine Kraft aus der Vertrautheit des Autors mit seinem Gegenstand. Wiegand führt mit großer Kenntnis das schier unendliche Thema anhand von etlichen Dutzend Beispielen vor – die Auswahl überzeugt und deckt alles ab, was wichtig ist. Interessant ist der (im Prinzip willkürlich gesetzte) Ausgangspunkt: Denn am Anfang stehen die legendären „Blauen Bücher“ des Königsteiner Verlegers Karl Robert Langewiesche, der Band über „Die schöne Heimat“, der es erstmals 1915 vermochte, Deutschland auf eine stringente Reihe von Bildikonen zu reduzieren und damit einen patriotischen Fotokanon einzuleiten, der das romantische Ideal der „Nation“ mit dem Patriotismus der Weltkriegszeit und dem Leitmedium der Moderne verband.
„Die schöne Heimat“ ruft sämtliche Aspekte auf, die im gesamten Verlauf von „Deutschland im Fotobuch“ wiederkehren. Die Frage nach dem „Absender“ – wer „kommuniziert“ mit Bildern über Deutschland, warum und wozu? Die Frage nach dem Empfänger – wem sollen diese Bücher dienen? Ob berichtend, sammelnd, kritisierend, ästhetisierend, distanziert, illustrativ, staatstragend, subversiv, ironisch, historisierend: es ist, bis heute, immer auch die „schöne Heimat“ und ihre Topoi, an der sich unsere Fotobücher (und damit unsere Vorstellungen von „Deutschland“) abarbeiten. Offenbar wird daher beim Lesen auch, dass das Genre Fotobuch eine selbstreferentielle Gattung darstellt, deren Autoren gegenseitige Bezüge gesucht haben. Diese Tatsache macht den vorliegenden Band dann gleich auf einer weiteren Ebene faszinierend.

3.12.2011
Christian Welzbacher
Deutschland im Fotobuch. Hrsg.: Heiting, Manfred. Gb. im Schuber. Steidl Verlag, Göttingen 2011. EUR 75,00.
ISBN 978-3-86930-249-2
 
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