KunstbuchAnzeiger - Kunst, Architektur, Fotografie, Design Anzeige Metzler Lexikon Kunstwissenschaft Anzeige Verlag Langewiesche Königstein | Blaue Bücher
[Home] [Foto, Film, Medien] [Rezensionen] [Druckansicht]
Themen
Recherche
Service

[zurück]

Die Verletzung ist allerorten - Drei neue Fotobücher

In der Flut monatlich erscheinender Fotobücher gibt es gar nicht so oft solche, die über das Mittelmaß, das schon oft Gesehene hinausragen. Solche Bände sind selten: Bücher, die man mit Lust durchblättert, deren Bildsprache erstaunt, die uns in Bann ziehen. In diesem Winter sind drei solche Bücher erschienen, Fotobücher aus verschiedenen Zeiten, die doch eines eint: Sie sind beseelt durch schöpferische Kraft, sind originell – sehen mit wachen Augen in die Welt.

Das erste dieser Bücher ist im Freiburger Modo-Verlag erschienen und stellt den 1919 geborenen Karlsruher Künstler Bert Jäger als Fotograf vor. Als Maler des Informel und abstrakten Expressionismus ist er bekannter, doch als Fotograf eine wunderbare Überraschung: Vor allem in Italien hat Jäger fotografiert, in Ligurien, Apulien oder in Rom. Dazu hat er Erzählungen und Romane geschrieben – und auch sein fotografisches Werk ist Poesie: Bilder aus den 50er und 60er Jahren, die den Menschen in den Fokus rücken.

Es ist eine behutsame Art der Straßenfotografie, die Jäger zum eigenen Stil ausbildet. Er zeigt Kinder, Passanten in Dörfern und Städten, an der Grenze zwischen Subjektivismus und Dokumentarismus – die erste Publikation, die sein fotografisches Werk vorstellt.

Auch Andrea Stappert widmet sich in ihrem bei Kerber erschienenen Buch dem fotografischen Porträt. „Under The Radar“ versammelt Bilder, die seit 1985 bis heute entstanden sind. Stets sind es Künstler, die Stappert porträtiert hat. Nach und nach ist so ein Archiv der internationalen Kunstszene entstanden.

Stappert begann ihre Bilderreihe im Umkreis des 1997 verstorbenen Martin Kippenberger – nach ihrem Malerei-Studium an der Hamburger Kunstakademie. Auch sie ist – wie Bert Jäger – keine ausgebildete Fotografin. Und auch ihre Aufnahmen folgen kaum den klassischen Regeln der Porträtfotografie, was vor allem auch für ihre Kippenberger-Porträts gilt: Man bemerkt die Nähe der Fotografin zu ihren Protagonisten – und die Bilder fangen diese Nähe genauso ein, wie die Egozentrik, die Leidenschaft und die Angst vor dem Scheitern.

Gundula Schulze Eldowys im Lehmstedt-Verlag erschienenes Buch „Der große und der kleine Schritt“ dokumentiert das Leben in den letzten Jahren der DDR, im Speziellen das Leben im Dresden der Vorwendezeit. Seit Jahren ist das Werk der Fotografin bekannt: Kaum jemand hat die DDR eindringlicher geschildert – in ihrem Zerfall, ihrer Tristesse, aber auch in ihrer Vielfalt der Lebensformen.

Es sind trostlose Schwarzweiß- und Farbbilder, welche die 1954 in Erfurt geborene Fotografin findet, die seit 1972 in Berlin lebt: in Krankenhäusern, Kreißsälen, Altenheimen, auf dem Schlachthof, in Hinterhöfen, die es heute – nur 30 Jahre später – nicht mehr gibt. Stets steht der Mensch im Zentrum, dessen Leid sichtbar wird: Krankheit, Tod, Schmerz, Zwänge, Regeln. Dieses Buch formuliert ein desillusioniertes Menschenbild. Momente des Glücks sind selten, stattdessen beobachten wir stetigen Zerfall – der Städte und der Menschen.

Schulze Eldowy ist eine gnadenlose Fotografin, ihre Wahrheit ist bitter. Sie zeigt ein Land in seiner Auflösung, zeigt rissige Mauern, düstere Arbeitsstätten, zeigt es schonungslos und drastisch, macht Bilder gezeichneter Menschen, die kaum mehr aus dem Kopf verschwinden, weil der Tod in ihnen haust. Dieses tabulose, beklemmende Buch ist ein Beleg dafür, was Fotografie auch heute noch tun kann: eine allumfassende Kritik zu formulieren, an den Verhältnissen, an der Welt, in der wir leben. „Ein verletzter Mensch ist jenseits seines Kraftpotentials“, schreibt die heute in Berlin und Peru lebende Fotografin. „Er ist nicht das, was er ist. Er ist jemand Anderes, jemand Fremdes. Die Verletzung ist allerorten.“ „Du hast so viel Sympathie fürs Leben und Leiden“, hat Robert Frank einmal der Fotografin geschrieben.

Andrea Stappert: Under The Radar. Fotografien 1985 – 2011. 240 Seiten. 47 farbige und 110 duplex Abbildungen. Hardcover, gebunden, mit Schutzumschlag. ISBN 978-3-86678-568-7. EUR 58,00 CHF 77,90 Kerber Verlag, Bielefeld 2011.

Gundula Schulze Eldowy: Der große und der kleine Schritt. Fotografien 1982-1990. 144 Seiten. 81 ganz- und doppelseitige Farbabbildungen. Festeinband, Schutzumschlag, Fadenheftung. ISBN 978-3-942473-20-0. EUR 29,90 CHF 52,90 Lehmstedt, Verlag Leipzig 2011.

17.01.2012
Marc Peschke
Bert Jäger - Fotografie. Hrsg.: Städtisches Kunstmuseum Singen; Weber, Dieter. Beiträge Bauer, Christoph; Galandi-Pascual, Julia; Weber, Dieter. 112, S. 54 Abb., 27 x 24 cm, Gb., Modo Verlag, Freiburg 2011. EUR 28,00 CHF 35,00
ISBN 978-3-86833-067-0   [modo]
 
© 2003 Verlag Langewiesche [Impressum] [Nutzungsbedingungen]