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Nora Bibel. Heimat. Que Huong

Das Leben auf den Straßen und Gassen.

Für Jean Amery war es ein zentrales Thema: die Frage nach der Heimat. „Wie viel Heimat braucht der Mensch?“ fragte der antifaschistische Denker in einem Essay – und gab die Antwort: „Ich habe 27 Jahre Exil hinter mir, und meine geistigen Landsleute sind Proust, Sartre, Beckett. Nur bin ich immer noch überzeugt, dass man Landsleute in Dorf- und Stadtstraßen haben muss, wenn man der geistigen ganz froh sein, und dass ein kultureller Internationalismus nur im Erdreich nationaler Sicherheit recht gedeiht. Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben.“

Um Heimat, das Aufgeben von Heimat, das Finden einer neuen Heimat – und den erneuten Aufbruch geht es auch in einem neuen Fotobuch von Nora Bibel, die an der Fachhochschule Bielefeld Fotografie studiert hat. Ihre Bilder illustrierten Amerys Diktum „Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben“. Nora Bibel fotografiert das Leben zwischen Deutschland und Vietnam, verfolgt den Weg von vielen Vietnamesen, die in den vergangenen Dekaden nach Deutschland, in der Vorwendezeit vor allem als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen sind – um später nach Vietnam zurückzukehren.

Diese Vietnamesen mit deutscher Geschichte porträtiert die 1971 in München geborene Fotografin in Saigon oder Hanoi oder auch in der Provinz und verbindet ihre Fotografien mit kurzen Interviews, welche die persönliche Geschichte der Porträtierten erzählen. Es sind stille, konzentrierte, präzise Bilder, die in alltäglichen Momenten entstehen, dennoch dem Zeitfluss enthoben sind. Sie erzählen viel über die Gezeigten, aber auch über die Wohnkultur im heutigen Vietnam, wo das Familienleben viel mehr als in Deutschland im öffentlichen Raum stattfindet.

Wie etwa auch das vor kurzem erschienene Buch „Public Private Hanoi“ von André Lützen zeigt auch Nora Bibels Band „Heimat. Que Huong“ diese Durchlässigkeit zwischen privat und öffentlich: Das Leben spielt sich immer auf den Straßen und Gassen ab. Türen und Fenster stehen offen, geben den Blick in Wohnungen frei. Die Fülle dieser vielfarbigen Eindrücke vermittelt dem Betrachter das Bild einer prallen Diesseitigkeit des Lebens, das keinen Unterschied zwischen außen, innen, öffentlich und privat zu kennen scheint.

Was bedeutet Heimat? Für jeden einzelnen? Fragt dieses Buch. Nguyet Van, einer der Porträtierten, gibt seine persönliche Antwort: „Ich kann vielleicht 20 Jahre in Deutschland bleiben, aber ich werde dort immer fremd sein. Ich bin doch hier in Vietnam geboren. Deswegen bin ich zurück gekommen.“

30. 3. 2012

Marc Peschke
Nora Bibel. Heimat. Que Huong. Hrsg.: Bibel, Nora; Beitr.: Schöning, Ingo; Beitr.: Stang, Kristina. PhotoART . Dtsch, Engl. 112 S. zahlr. Abb. 24 x 30 cm. Gb. Kerber Verlag, Bielefeld 2011. EUR 30,00. CHF 42,00
ISBN 978-3-86678-625-7
 
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