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Guy Tillim

Es knistert nicht.
Guy Tillim fotografierte Kindersoldaten im Kongo, dann zeigte er die Stadt Johannesburg, später dokumentierte er mit seiner Serie „Congo Democratic“ die ersten freien Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Kongo, danach widmete er sich mit dem Band „Avenue Patrice Lumumba“ der Architektur des kolonialen und postkolonialen Afrika.

Der in Kapstadt lebende, 1962 geborene Fotograf ist also ziemlich vielfältig, wie er auch jetzt wieder zeigt. Für sein neues Buch „Second Nature“, erschienen bei Prestel, verließ Tillim zum ersten Mal den afrikanischen Kontinent, um diesmal auf den Inseln Französisch-Polynesiens und in Brasiliens Megalopolis São Paulo zu fotografieren.

Während sich der erste Teil des Buchs mit der Darstellung der Inselwelt beschäftigt, zeigt Tillim im zweiten Teil des Bandes die größte Stadt Brasiliens, die als Metropolregion rund 20 Millionen Einwohner hat. In der Konfrontation von Natur und urbanem Raum, in der Fokussierung auf die Gegensätze liegt der Reiz des Buches, vor allem, weil es Tillim gelingt, die urbane Landschaft in einer ähnlichen ruhigen Klarheit „klingen“ zu lassen, wie die Naturlandschaft selbst.

Ruhe und Klarheit. Dezente Farbigkeit. Präzise, feine Komposition. Eine große Aufmerksamkeit für die Dinge. Das war schon kennzeichnend für „Avenue Patrice Lumumba“ und vor allem auf seine Stadtansichten São Paulos, auf diese Kreuzungen, Straßen und Hochhäuser, passt ein Satz Tillims, der seine Art zu sehen vollendet wiedergibt: „Eines kann man jedoch immer ... etwas Hässliches, Brutales in etwas Erhabenes und Erlösendes verwandeln ...“

Doch die Erhabenheit der stillen Megacity, die Schönheit der prallen, grünen Natur, des Meeres und des Himmels, all das scheint uns im neuen Buch ein wenig zu still. Es knistert nicht in diesen neuen Bildern, sie geben keinen Ton von sich, sie formulieren keine Sehnsucht mehr, keine Sehnsucht nach einer Vergangenheit – und keine nach einer Zukunft. Und auch die politische Gegenwart hat Tillim aus seinen Bildern getilgt. Einige vor sich hin rostende Autos in der Landschaft, ein etwas vermüllter Strand lassen ahnen: Paradiese gibt es nicht. Die Tropen sind traurig geworden. Doch das wissen wir in der Bildenden Kunst spätestens seit Paul Gauguin, das hat auch die Fotokunst vor Jahren schon formuliert.

Und so ist es auch in São Paulo. Hier, in der Stadt (das alte Thema Natur versus Kultur aufgreifend) bietet Tillim einen ästhetisch geschliffenen, freilich kaum neuen Blick auf den Dschungel der Großstadt und seine Bewohner, die als Passanten, mal alleine oder in Gruppen die Bilder durchqueren, telefonieren – oder einfach gähnen.

Doch was sagen uns diese neuen Fotografien von Guy Tillim? Nichts erzählen sie genuin von São Paulo – sie könnten in vielen Großstädten entstanden sein. Was erzählen sie vom Leben und Leiden der Menschen? Sollten sie uns gefallen, weil sie so unromantisch, unsentimental und unspektakulär sind? Sollte uns diese enorme Schärfe und Präzision überzeugen? Auch das kurze Nachwort von Els Barents bietet keine Aufklärung. So bleibt das Fazit: „Second Nature“ ist ein irritierender Titel für ein Buch, das essentielle Fragen offen lässt.

05.06.2012
Marc Peschke
Tillim, Guy. Guy Tillim: Second Nature. 112 S., 70 fb. Abb. 29 x 31 cm, Gb., Prestel Verlag, München 2011. EUR 49,95 CHF 66,90
ISBN 978-3-7913-4690-8
 
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