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LHC. LARGE HADRON COLLIDER

LHC – Large Hadron Collider heißt jene Maschine, die der Wissenschaft einen Blick auf den Beginn unseres Universums möglich machen soll.

Einer der besten Fotografen der Welt, Peter Ginter und der Schriftsteller Franzobel (er heißt auch Franz Stefan Griebl und studierte zunächst Maschinenbau) setzen sich gemeinsam mit Rolf-Dieter Heuer, Generaldirektor des CERN, der europäischen Organisation für Kernforschung, mit der größten und komplexesten Maschine auseinander, die die Menschheit je erdacht hat. Der „Large Hadron Collider“, übersetzt: „Großer Hadronen-Speicherring“ ist eine „Weltmaschine“. Über der Erde relativ unscheinbar untergebracht, findet unter der Erde ein riesiges Experiment der Teilchenphysik statt, das unvorstellbar präzise und gigantisch in seinen Ausmaßen dem Ursprung unseres Seins auf die Spur zu kommen versucht.
In einem dreisprachigen Essay „Das schöne Biest, oder was vom LHC in meine Sprache geht“ setzt sich Franzobel mit den offen Fragen der theoretischen Physik auseinander, gefolgt von brillanten Fotos zur Anlage selbst, denen kurze Bildlegenden beigegegeben sind.
Dem Essay geht ein Zitat von Albert Einstein voraus: „Ein menschliches Wesen ist Teil des Ganzen, genannt Universum, begrenzt in Raum und Zeit. Es erfährt sich selbst, seine Gedanken und Gefühle als etwas, das von dem Rest getrennt ist, eine Art von optischer Täuschung seines Bewusstseins. Diese Täuschung ist eine Art von Gefängnis für uns, das uns auf unsere persönlichen Wünsche und Einwirkungen einiger weniger Personen in unserer näheren Umgebung beschränkt. Unsere Aufgabe muss es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien…“
Doch fehlt der Rest des Satzes: „… durch Ausdehnung unseres Mitleids auf alle lebenden Kreaturen und der ganzen Natur in ihrer Schönheit“. (http://translate.google.de/translate?hl=de&langpair=en%7Cde&u=http://en.wikiquote.org/wiki/Albert_Einstein)
Die Fotos im vorliegenden Buch sind gewaltig. Sprühende Farben „unsichtbarer“ Teilchen, endlos durcheinander gezwirbelte Kabel, glänzende Folien, lange Röhren, riesige Hallen und Maschinen und hin und wieder ein Mensch. Mal ganz klein, mal im Forschermodus mit grübelnden Falten auf der Stirn oder im Gruppenfoto, behelmt mit dem Heldenblick wohlwissenden Stolzes am Puls der Forschung menschlicher Existenz tätig sein zu dürfen.
Das Buch versucht den Spagat zwischen Naturwissenschaft und Kunst, das heißt, es versucht, den Leser und Betrachter für die wunderbare Teilchenphysik zu begeistern und versteht sich zugleich als Kunstwerk. Das ist, beschränkt man die Kunst auf die hervorragende, aber sehr kühle Fotografie, durchaus gelungen. Aber sind wir in unserer Welt wirklich weiter, weil wir das „Higgs“ gefunden haben?
In seinem Essay grübelt Franzobel darüber nach, wie der Forschungshunger zu stillen sei, und denkt über den Urknall nach und die Bibel und darüber, ob er über das Unsagbare schreiben könne oder mathematisieren, wie dies die Physiker tun. Diese haben sogar hin und wieder Stofftierchen auf ihren Schreibtischen stehen und seien, so Franzobel, nicht „abergläubisch“. Nachdem sich Franzobel anschließend ein wenig der Beschreibung des technischen Wunderwerks widmet, kommt er noch einmal auf die Philosophie zu sprechen, bzw. versucht sich den offenen Fragen zur Vorbestimmtheit aller Dinge und Ereignisse zu stellen, die er trotz des technischen Fortschritts verneint; und kommt auf die Biologie zu sprechen, auf Try and Error, das Schicksal, die Esoterik und „was ist mit Gott?“
Laut Franzobel sehen manche Teilchenphysiker und Evolutionsbiologen keinen Platz mehr für ihn und weisen sich dennoch hier und da als „gläubig“ aus oder zumindest als „tolerant“.
Am Ende bleibt der Leser – verständlicherweise – so ratlos wie zuvor und Franzobel geht erst mal ein Käsefondue essen: „weil man das Universum am eigenen Leib erfahren kann“.
Warum Franzobel Einsteins „Mitleid gegenüber aller lebenden Kreatur und der ganzen Natur in ihrer Schönheit“ übersehen hat, ohne die es, folgen wir Albert Einstein, kein Entrinnen aus dem Gefängnis gibt, wissenschaftlich und existenziell, bleibt trotz der grandiosen Erfindung des Higgs'schen Gottes(verdammtes)teilchens weiterhin offen.
Über unser Mitleid, das Einzige, was wir an Menschlichkeit zu bieten haben, werden wir also weiterhin nachdenken müssen.

17.07.2012
Gabriele Klempert
Franzobel; Heuer, Rolf-Dieter. LHC. LARGE HADRON COLLIDER. Engl./Franz/Dtsch. 262 S. zahlr. fb. großformatige Abb. 28 x 31 cm. gebunden im Schuber. Lammerhuber, Baden (Österreich) 2011. EUR 64,00.
ISBN 978-3-901753-28-2
 
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