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Dantes Italien - Auf den Spuren der „Göttlichen Komödie“.

Dantes „Göttliche Komödie“, 100 Gesänge über einen Weg durch Hölle/Inferno und Fegefeuer/Purgatorium hin zu einem nur angestrengt erreichten Paradies. Mit dabei, um 1310, Virgil, Beatrice als Führer und eine immer ungewisse Ankunft als Wegbegleiter. Kurze Textzitate verdeutlichen diesen im Wortsinne steinigen Weg, der hier alleine durch italienische Landschaften tatsächlicher oder fiktiver Aufenthalte Dantes fotografisch illustriert wird; alle Spuren Dantes in Städten bleiben ausgeblendet. Unser Authentizitätsbedürfnis wird ignoriert und das fotografische Leitmotiv „Landschaft /Natur“ zeigt schnell seine Grenze durch die Konzentration auf Motive zur Hölle. In einer Ausstellung, für die diese Fotografien gedacht waren, kein konzeptionelles Manko.

Im Vorwort zu kurz erwähnt, liegt das Potential dieses Fotobandes in den hier vom Fotografen angebotenen Assoziationen, die den Betrachter zu seinen eigenen anregen. Der muß dazu, in der betulich daherkommenden Einleitung wird es gesagt, zunächst das ihm vertraute meerblaue Italien auch sanfter toskanischer Hügel hinter sich lassen, um es dann erst am Ende des hier fotografierten Danteschen Weges wieder zu entdecken. Dazwischen aber, auf diesem Weg, findet er sich in den Vulkanschlünden von Ätna und Vesuv („Gebt alle Hoffnung auf, die ihr hier eintretet“), dort in Rinnen fließender heißer Lava („worin Gesottene laute Schreie ausstoßen“), vor vereisten Wasserfällen („und der Frost ließ die Tränen in ihnen erstarren und schloß sie fest zu“), auf der ausgebrannten Erde der Crete, in den Sümpfen der Maremma, vor unwetterdräuenden Wolkenwänden über noch trügerisch-glattem Meer. Und in der Straße von Messina, zwischen den wirbelnden Wasservorhängen von Skylla und Charybdis, sieht er „Menschen, die auf den Wellen tanzen müssen“. Doch auf das Fegefeuer („und ich fürchtete das Feuer auf der einen und fürchtete auf der anderen Seite herabzufallen“) folgt dann, endlich, die Erlösung im Licht, der Sonne, im göttlichen Paradies des „schönen Gartens“ der toskanischen und umbrischen Landschaft.

Fotografiert mit der Muse der Vergangenheit, strahlen diese Fotografien eine kontemplative, zu eigenen Assoziationen verleitende Stimmung aus, die eine noch im 19. Jahrhundert für den Künstler selbstverständliche, langsame Annäherung an das Objekt, Landschaft, Natur, voraussetzt. Die hat in dieser nachaufklärerischen Wander-Zeit zwar ihr individuell-existentielles Bedrohungspotential verloren, wird aber mit vielen der hier fotografierten schroff-abweisenden Naturbilder in all ihrem voraufklärerischen Schrecken wieder erlebbar. Die fotografische Imagination, nicht Illustration, gewinnt uns hier eine neue Zeitebene zu Dantes Text, diesem metaphorischen Abbild des menschlichen irdischen und jenseitigen Weges. Und regen so präsentierte Landschaften nicht zu noch subjektiveren Erinnerungen und Assoziationen an? An Giottos fast zeitgleiches Fresko-Höllenspektakel im „Jüngsten Gericht“ (Padua, Scrovegni-Kapelle) das Dantes Inferno zu illustrieren scheint, an schroffes Felsgestein das an zeitgenössische byzantinische Darstellungen der Geburt Jesu erinnert, uns nur in heimeliger Hütte vertraut. Und ist nicht hinter diesen mit Danteschen Textzitaten korrespondierenden nebelverhangenen italienischen Landschaften der zeitübliche Schlachtenlärm rivalisierender norditalienischer Städte zu hören, dieser Kampfstätten sich blutig bekämpfender Kaiser- und
Papstanhänger?
Viele Fragen und eine deshalb nur verhaltene Empfehlung für einen Fotoband, der dem Betrachter Dantes „Göttliche Komödie“ zwar näher bringt, in dem die Chance für ein kultur- und kunstgeschichtliches Einleitungs-Pendant zum Assoziationsreichtum dieser Fotografien aber ungenutzt bleibt. Anders Dan Brown („Der Da Vinci Code“), der Ungewiß-Bedrohliches auf seine Art und für sein breiteres Publikum seit Mai 2013 aufbereitet. Dann geht sein Professorendetektiv Robert Langdon wieder auf Spurensuche. Wo? In Dantes „Inferno. A Novel“ (Doubleday). Dantes Hölle, sie bleibt uns.

10.06.2013
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
Pitt Koch (Fotografien). Dantes Italien. Auf den Spuren der „Göttlichen Komödie“. Hg. v. Bettina Koch u. Günther Fischer. Einführung von Fritz Glunk. 144 S. ca. 110 fb. Abb., 29 x 28 cm Gb. Primus Verlag, Darmstadt 2013. EUR 49,90 CHF 66,90
ISBN 978-3-86312-046-7
 
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