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Carlos Cazalis - Unter Wellblechdächern.

Carlos Cazalis fotografiert São Paulo

Wie viele Einwohner hat São Paulo? Man weiß es nicht, kann es nur schätzen. Um die 20 Millionen werden es in der Metropolregion sein, doch so ganz genau kann es keiner sagen. Die größte Stadt in Brasilien ist bekannt für ihr Ausufern, für ihr Chaos, ihre Unordnung. Diese Stadt ist ein Moloch, ein industrieller Ballungsraum, ein unwirtliches System aus Elendsvierteln, Brachen, Hochhausvierteln, Bürohäusern und Industrie.

Und diese Stadt ist voller Menschen – ein multikultureller Menschenhaufen, in dem viele Einwanderer ihre Spuren hinterlassen haben. All jenen „paulitanos“ nähert sich Carlos Cazalis mit seiner Kamera. Seit 2005 fotografiert Cazalis für sein „Urban Meta Projekt“ die Riesenmetropolen der Welt. Sein Buch „Occupy São Paulo“ ist der erste Teil der Veröffentlichungsreihe.

Der im Kehrer-Verlag erschienene, kleine Band zeigt die Bewohner São Paulos, vor allem jene am unteren Ende der sozialen Leiter. Ihren Überlebenskampf, das Leben in kargen Unterkünften, unter Wellblechdächern und in Abrisshäusern. Aber er zeigt auch jene, die anders leben, wenngleich genauso gefangen: in ihren Villen in geschützten, gut bewachten Bezirken, die zu verlassen Angst bedeutet.

Verloren wirken all diese Menschen, doch auch voller Sehnsucht nach Gemeinschaft. Jugendliche tanzen auf der Straße, eine Gruppe hat sich in einer dunklen Hütte versammelt, diffuses Licht und Qualm durchzieht den Raum – ein Bild wie aus einer anderen Zeit.

Der 1969 in Mexiko City geborene Fotograf hat einen sehr genauen Blick auf die Menschen. Er arbeitet unter anderem für Le Monde, L’ Espresso, The New York Times, National Geographic, den Stern und den Guardian – und er hat auch eine sehr eigene Bildsprache entwickelt. Graublau, kalt sind seine Farben. Wenngleich ein Trend in der aktuellen Reportage-Fotografie, verfehlt der Effekt nicht seine Wirkung.

Denn kalt scheint diese Stadt, auf diesen Bildern. Für die Menschen in den Armutsgürteln, wie auch für die Reichen, wie etwa jene junge Frau, die neben einem abgedeckten Pool steht und telefoniert. Auch sie: gefangen in ihren Verhältnissen. Arm und Reich begegnen sich selten auf diesen Bildern, doch wenn, dann sind die Motive von besonderer Sprengkraft. Ein Obdachloser liegt vor einem Nobelclub, vollkommen verhüllt in einem weißen Laken. Ein Nachtgespenst in einer Welt, in der es für viele schwer geworden ist, eine Heimat zu finden.

Im Kontrast findet dieser Fotograf sein Glück, fotografiert in den „Gated Communities” wie in den Favelas, wo inzwischen mehr als zehn Prozent der Bevölkerung leben. Ein schmales, aber eindrucksvolles Buch, das nur wenig Mut macht. Wer arm ist, der wird arm bleiben. Das scheint – folgt man diesen Bildern – die bittere Realität von São Paulo.

12.08.2013
Marc Peschke
Cazalis, Carlos. Carlos Cazalis. OCCUPY SA?O PAULO. 2013. Hrsg.: Seeley, Bree; Fotograf: Cazalis, Carlos. Engl. 140 fb. Abb. 30 x 24 cm. Gb. Kehrer Verlag, Heidelberg 2013. EUR 40,00. CHF 53,90
ISBN 978-3-86828-400-3
 
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