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Grand Tour – Mit Goethe durch das alte Italien

Dies Buch, mit seinen bildschirmgroßen schwarz-weißen oder farbig kolorierten Fotografien, ist zuerst ein Tribut an unsere Zeit der Affinität zu Visuellem. Und ein zweiter an coffee tables in bildungsbürgerlich-wohlhabenden Häusern in Italien,
englischsprachigen Ländern und vielleicht Deutschland, jeweils kreuzschmerzfreies Betrachten dieses Buchformates vorausgesetzt.

Die Reise, die wir mit diesem Fotoband durch Italien antreten, kann, so liest sich`s im etwas zu geschmäcklerischen einleitenden Essay, nur sentimental, die Bild- und Textauswahl deshalb nur „nichtphilologisch sein“. Eine Vorwarnung an deutsche Goethe-Freunde und Philologen, denen sich nach dem Betrachten dieser Reisebilder in launischer Verbiegung Dantes zurufen läßt: Laßt schon beim Antritt dieser Reise alle Hoffnung fahren. Das heftig gesuchte Datum von Goethes Italienreise (1786-88), es ist in diesem Band nicht zu finden. Quellenhinweise (aus einer nur ungenau benannten Werkausgabe) bei den überraschend sparsam verwendeten Goethe-Kurzzitaten zu dieser Reise: Fehlanzeige. Fotografiegeschichte in diesem Band mit den typographisch gut gestalteten und so eindrucksvollen Fotografien: Im Internet zu finden, nicht hier. Wäre ein ohne das Etikett „Goethe“ konzipiertes Buch nicht ein Renner bei allen Freunden historischer Fotografie und Italiens geworden ? Das bliebe auszuprobieren.
Und wir bleiben beim Mäkeln, unzufrieden darüber, daß auch der Verfasser des Essays, verantwortlich zudem für die Textauswahl und der, ja doch, fotografischen Köstlichkeiten, nicht aus dem biographischen Dunkel auftaucht. Und uns nur das Internet, nicht aber ein Hinweis in diesem Buch den Titel des hier übersetzt vorliegenden italienischen Originals verrät. 2013 in Mailand erschienen, im Verlag 24 Ore Cultura, also 24 Stunden Kultur. Na denn.

Der hier versuchte mehrfache konzeptionelle Spagat konnte nicht erfolgreich sein: Ein unter das Rubrum „Grand Tour“ gezwängter Band soll, folgt man Titel und Typographie, mit dieser Ausgabe primär den englischsprachigen Buchmarkt bedienen und zugleich auf deutsche Goethe-Leser zielen. Dies mittels Fotografien aus einem Italien der (meist) Zeit um 1900 (und bis 1939), die kurzen Goethe-Zitaten gegenübergestellt werden. Macht das Sinn, außer dem etwas zu verkaufen ? „Zeigen die träumerischen Bilder uns, was Goethe sah?“ heißt es wohl deshalb in hilflos anmutender, werbeseliger Verlagsprospekt-Rhetorik. Hätte hier die Aufforderung zum Vergleich mit unseren ganz eigenen, individuellen Eindrücken von all diesen Orten, Verona, Florenz (wo sich Goethe drei Stunden aufhielt), Rom, Neapel, Capri (das er nur vom Schiff aus sah), Sizilien gestanden – wie viel genauer hätten wir dann in diesen Band hineingeschaut, uns erinnert, gefreut – und wären zugleich ein wenig betrübt gewesen, in eben diesem Moment nicht an einem dieser Orte zu sein.
Deshalb: Goethe-Liebhaber werden von diesem Buch enttäuscht sein. Ein gelungener Fotoband aber ist er für all jene, die ihr Italien von heute mit dem der Zeit um 1900 vergleichen möchten. Ein Zusatzargument dafür sind Giorgio Sommers im Bildgedächtnis haften bleibende farbige neapolitanische Straßenszenen (um 1865). Und sein sizilianischer, bunt bemalter, menschenbesetzter Eselskarren (1870), mit dem dieser sich sentimental verstehende Band so realitätsnah abschließt.

13.09.2013
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
Grand Tour. Mit Goethe durch das alte Italien. Foto(s) von Naya, Carlo; Foto(s) von Sommer, Giorgio; Foto(s) von Tagliarini, T.. Dtsch./Engl. 60 Abb. 48 x 33 cm. Gb. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2013. EUR 98,00. CHF 129,00
ISBN 978-3-7757-3618-3
 
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