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Vom Glück, ein Huhn zu sein - Fotografien von Franck Schmitt

Katzen immer, Hunde oft, Pferde manchmal. Aber Hühner? Manche scheinen direkt aus „Peter Gaymanns Kunst mit HühnerAUGEN“ (Belser 2013) in Anny Dupereys Buch (und ihr Landhaus im Limousin) hineingerannt zu sein. Dort angekommen, finden sie sich typographisch auflockernd eingestreut zwischen all jenen vielen meist farbigen Fotografien von großen und kleinen Hühnern, denen man Gackern und Eierlegen gar nicht mehr so recht zutraut. Bewegen sie sich doch mit gravitätischem Schritt, präsentieren sich im farbigen Federkleid, als fürsorglich ihre Kücken umhüllende Glucke, Hähne aufgeplustert. Solches Hühnerleben findet kaum bei Misthaufen oder im Hühnerstall statt sondern stilgerecht im Hühnergehege. Es sind dann auch meist Vertreter der Hühnermittel- und Oberschicht, die uns die Autorin hier so gehaltvoll-lebendig im Text und so gekannt-liebevoll mit Fotografien präsentiert.

Es wäre aber weit gefehlt, im „Kunstbuchanzeiger“ die Besprechung eines Fotobandes über Rassehühner zu vermuten (die ein eigenes Register verzeichnet). Denn all das was hier geht und schreitet, fliegt, schaut, hackt, gräbt und unhörbar piepst, gackert und kräht wird wohltuend fachkundig und zugleich allgemeinverständlich präsentiert. Was nur so lange bieder klingen mag, bis sich Fotografien von Jean-Paul Belmondo und, doppelseitig, des französischen Flugpioniers Berliot finden. Natürlich mit Hühnern. Das Huhn ist in der Gesellschaft angekommen. Und wird, glaubt man der Autorin, in zehn oder zwanzig Jahren auch auf städtischen Terrassen und Balkonen gehalten. Ob uns dann ein Hahn vom nachbarlichen Balkon aus dem Schlaf kräht? Eine nicht unwahrscheinliche Perspektive, verweist doch die zweimonatlich in Millionenauflage erscheinende „Landlust“ auf die ständig größer werdende städtische Lust am Landleben. Und ist nicht auch dieses Buch ein Indiz dafür?

Und eine Freude für die Augen. Durch Fotografien, häufig eingerahmt mit lebendig-frischen persönlichen Eindrücken zu nachgezeichneten Hühner-Wegen vom gelegten (auch farbigen) Ei, den Küken bis hin zu Glucke und Hahn. Damit ist ein breites Spektrum auf Hühnerleben und Hühner-Charaktere geöffnet das, hier ist Verlagswerbung einmal zu bescheiden, nicht nur den „Hühnerfan“, sondern ein breites Publikum anspricht: Liebhaber von Tierfotos werden diesen Fotoband genießen, für Kinder wird er zum liebgewordenen Bilderbuch, für Hühnerzüchter zur kleinen Fundgrube. Und alle Freunde des Landlebens finden hier ihre ideale Gegenwelt zu unserer Gegenwart industrialisierter Tierproduktion. Jene Gegenwelt, an die sich der 84-jährige Hans Traxler im August 2013 so erinnerte: „Als kleiner Junge soll ich stundenlang den Hühnern zugeschaut und meine Mutter gefragt haben, warum ich kein Huhn geworden bin. Solche Tiefen habe ich nie mehr erreicht“. Hans Traxler oder: Vom Unglück, kein Huhn geworden zu sein. Ein Glücksfall. Seine Illustrationen und Cartoons würden fehlen – wie dieses Buch.

10.12.2013

Peter Gaymanns Kunst mit Hühneraugen. Gaymann, Peter. 64 S. 44 fb. Abb. 21 x 21 cm. Gb. Belser, Stuttgart 2013. EUR 16,95 ISBN 978-3-7630-2652-4
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
Vom Glück, ein Huhn zu sein. Duperey, Anny. 31 x 25 cm. Gb. Frederking & Thaler, München 2013. EUR 29,99. CHF 39,90
ISBN 978-3-95416-077-8
 
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