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Prekäre Fotografie – Jeff Wall in München

Seit so vielen Jahren schon stehen wir – gebannt – vor diesen Bilden. Blättern in Katalogen, verharren vor Originalen, vor diesen großen, geheimnisvollen, leuchtenden Arbeiten von Jeff Wall. Trostlosigkeit, Armut, Ausgrenzung, Gewalt, Verlassenheit, soziale Kälte, das sind die Themen der Fotografie Walls, die stets zwischen Realismus und Inszenierung pendelt.

„Mir scheint, die besten Werke bildender Kunst bleiben zögernd, unentschlossen im Hinblick auf diesen Unterschied, diese Dis-Identität“, sagt der 1946 geborene Fotokünstler und Kunsthistoriker, der es wie kaum ein anderer Fotograf vermocht hat, einen eigenen Stil zu etablieren, vermeintliche „Schnappschüsse“ anzufertigen, die doch auf so aufwändige Weise mit Schauspielern inszeniert sind, dass sie das Augenblickliche, den Moment verlassen – und exemplarisch auf den Zustand der Gesellschaft verweisen.

Jetzt stellt ein Buch und eine Ausstellung in der Pinakothek der Moderne in München den kanadischen Künstler vor, dem zurecht die Ehre gebührt, mit seinen Leuchtkästen – viel früher als andere – die Grenzen der Fotografie neu vermessen zu haben. Malerei, Fotografie und Film, all das ist in seinen Arbeiten gleichermaßen präsent – auch wenn das Endprodukt stets eine Fotografie darstellt.

An der Grenze zwischen Fiktion und Realität arbeitet der Künstler – und schon früh wurde man, gerade in München, auf ihn aufmerksam, wie der Band verdeutlicht. Schon in den frühen achtziger Jahren war Wall hier zu sehen, hier hatte er seine erste große Einzelausstellung in Europa, hier erschienen bei Schirmer/Mosel seine Fotobücher, hier gab es Sammler wie Ingvild Goetz, Christa Döttinger und Lothar Schirmer, die früh Arbeiten kauften. Der Band greift diese Tradition auf und vereint erstmals verschiedene Werke des Künstlers aus Münchner Sammlungen in einer Publikation.

Immerhin 20 von etwa 150 Wall-Arbeiten insgesamt sind in München. Darunter Klassiker wie das 1986 entstandene, monumentale Grossbilddia im Leuchtkasten, „The Thinker“, in dem Wall einen älteren Mann wie Rodins „Denker“ posieren lässt – oder „Restoration“ von 1993, diese grandiose Szene eines inszenierten Restauratoren-Teams bei der Arbeit an einem Schlachtenpanorama.

Jeff Wall ist – bis heute – der große, eindringliche, hintergründige Geschichtenerzähler der Fotografie. Er hat ein kinematografisch anmutendes Werk geschaffen, das oft Menschen zeigt, die auf verschiedene Art und Weise an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden sind. Wer diese Fotografien wie großes Kino betrachtet, wer hier nach einer Geschichte sucht, nach einer, die man erzählen könnte, der ist auf der richtigen Fährte.

So ist es immer mit der Kunst von Jeff Wall: Immer sucht man nach einer Geschichte in diesen rätselhaften Bildern. Allein: Es gibt keine. Zumindest bleibt sie unerzählt. Es gibt nur diese Einzelbilder. Der Rest passiert im Kopf des Betrachters. Das Buch zeigt alle Bilder der Ausstellung und versammelt Texte der Sammler Ingvild Goetz, Rüdiger Schöttle, Christa Döttinger und Lothar Schirmer, dazu Essays der Museumsmitarbeiter Inka Graeve Ingelmann, Ulrich Bischoff, Simone Förster und Gabriele Schor.

06.01.2014
Marc Peschke
Jeff Wall. Arbeiten aus Münchner Sammlungen. Zur Ausstellung der Pinakothek der Moderne, München. Hrsg.: Wall, Jeff; Graeve Ingelmann, Inka. Dtsch/Engl. 128 S. 61 Abb., davon 21 fb. 28 x 24 cm. Gb. Schirmer & Mosel, München 2013. EUR 39,80. CHF 52,90"
ISBN 978-3-8296-0657-8
 
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