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Ruinen der Moderne. David Lynch – „The Factory Photographs“

Fabriken, Hochofenwerke – nicht erst seit Bernd und Hilla Becher sind solche Orte der Arbeit in der fotografische Kunst ein immer wiederkehrendes Thema. Fabriken sind Orte der industriellen Produktion: Hier wird gehämmert, gesägt, geschweißt. Doch wer hämmert heute noch? Viele Fabriken stehen leer, werden nun anders genutzt. Die Maschinen stehen still. Ruhe ist eingekehrt: Das macht die Fabrik als fotografisches Sujet noch interessanter.

Früher ein Platz der Produktivität, der Mechanisierung von Arbeitsabläufen, sind leer stehende Fabriken heute ein Platz der Melancholie. In England entstanden im späten 18. Jahrhundert die ersten Fabriken. Und so ist es nicht erstaunlich, dass David Lynchs Fotoserie „The Factory Photographs“ zum Teil auch in England entstanden ist. Das jetzt im Prestel-Verlag erschienene, von Petra Giloy-Hirtz herausgegebene Buch stellt zumeist unveröffentlichte Bilder vor, welche die filmische Ästhetik des Regisseurs aufnehmen: dunkel, magisch, surreal sind diese Schwarzweißbilder.

Schlote, alte Maschinen, Schornsteine tauchen aus der Dunkelheit auf. Schummrige Zeugnisse der Industrialisierung, Überreste einer Zeit, die so gar nicht mehr in die unsere passen wollen. Lynch liebt so etwas, liebt solche Relikte der Vergangenheit. „They have a mood“, sagt er – und fotografierte in England, Berlin, in Polen, New York und Los Angeles. Was Lynch so gar nicht im Sinn hat, ist die Dokumentation des Bestehenden: Ihm geht es nicht darum, die genuine Ästhetik der Bauten zu dokumentieren, die als Teil einer spezifischen Geschichte von Orten und Ländern überall immer mehr verschwinden. Im Gegenteil: Unter der fotografischen Ägide des Schwarzweißfotografen sehen alle Fabriken ziemlich ähnlich aus.

„The Factory Photographs“ – entstanden zwischen 1980 und dem Jahr 2000 – stehen in einer langen Tradition experimenteller Schwarzweißfotografie, der grobkörniges Schwarz und dämonische Unschärfe alles bedeutet. Das ist visuell nicht eben neu, fällt aber dennoch auf – in Zeiten digitaler Retrolook-Effekte. Trotzdem: Was diesen Bildern fehlt, ist eine Geschichte. Sie sind ganz „mood“, ganz Stimmung, doch erzählen sie wenig.

„I love industry. Pipes. I love fluid and smoke. I love man-made things. I like to see people hard at work, and I like to see sludge and man-made waste.” So hat David Lynch seine Serie kommentiert. Doch Menschen sind hier keine zu sehen. Stattdessen: dunkle, monströse Maschinen, labyrinthische Werkhallen, Ruinen der Moderne. Lynch ist ein Liebhaber des Unheimlichen.

Nach Sigmund Freud ist „Das Unheimliche“ stets im gleichen Maße vertraut wie unvertraut. Es ist für ihn „Wiederkehr des Verdrängten“, das sich in einem unheimlichen, existenziellen Gefühl äußert, einem Gefühl des Nicht-zuhause-seins. In seinen Filmen wie „Eraserhead“, „Blue Velvet“, „Twin Peaks“, „Lost Highway“ oder „Mulholland Drive“ ist es David Lynch immer wieder gelungen, dieses Gefühl zu transportieren, eine neue Ästhetik des Unheimlichen zwischen Horror und Film noir zu erschaffen.

In der Fotografie gelingt ihm das nicht immer, auch wenn der zudem noch malende und musizierende Universalkünstler hier ein ganz ähnliches Anliegen verfolgt, wie der Kunsthistoriker Thomas W. Gaehtgens über ihn geschrieben hat: „Alle diese Tätigkeiten sind Lynch gleich wichtig und in gewisser Weise kongruent. Sie alle beruhen auf dem von ihm verfolgten Thema, den menschlichen Verhaltensweisen als Spiegelung seelischer Vorgänge nachzuspüren.“

08.03.2014
Marc Peschke
David Lynch. The Factory Photographs. Hrsg.: Giloy-Hirtz, Petra. Engl. 220 S. 160 fb. Abb. 30 x 26 cm. Ln. Prestel Verlag, München 2013. EUR 49,95. CHF 66,90
ISBN 978-3-7913-5333-3
 
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