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Der lange Schatten von Tschernobyl

Ein langer, langer Schatten.
Gerd Ludwig: Der lange Schatten von Tschernobyl

Ein langer, langer Schatten liegt über der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Die Umweltkatastrophe, die sich am 26. April 1986 in Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat ereignete, ausgelöst durch einen Fehler bei einer Routinesicherheitsprüfung, ist ein Unfall, der bis heute schwerwiegende Folgen nach sich zieht.

Schnell begannen die „Liquidatoren“ mit der Dekontamination. Der Reaktor 4 verschwand unter einem „Sarkophag“ aus Stahlbeton. Doch die Katastrophe strahlt noch immer, bis in die Gegenwart. Bis heute. 100.000 Quadratkilometer des umliegenden Landes wurden von radioaktivem Niederschlag verseucht – etwa 250.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen.

Der in Hollywood lebende Fotograf Gerd Ludwig, der bei Otto Steinert in Essen Fotografie studiert hat, hat sich seit vielen Jahren mit Tschernobyl befasst. Seit 1993 fotografiert er hier: Er war der erste ausländische Journalist, der in Tschernobyl arbeiteten durfte. In seinem großen, opulenten Buch versammelt er seine beeindruckenden Bilder: Fotografien aus dem Reaktorraum, der näheren Umgebung, der zerstörten Gebäude – dazu Porträts der betroffenen, zum Teil an Krebs erkrankten Menschen.

Ein zerstörter, öder Freizeitpark, die verlassene Stadt Prypjat, Bilder aus der Sperrzone, Bilder aus dem zerstörten Reaktor, Fotografien der Menschen in ihren verlassenen Häusern: Bilder, die während eines Zeitraumes von 20 Jahren entstanden sind. Nicht ohne Risiko, wie Ludwig sagt: „Als engagierte Fotografen berichten wir oft über menschliche Tragödien im Angesicht von Katastrophen und nehmen unsere Kameras mit in unerforschte Gebiete mit dem Bewusstsein, dass wir diese Erkundungen nicht ohne ein persönliches Risiko unternehmen. Wir tun dies aus einer tiefen Verpflichtung den Opfern gegenüber ihre bedeutenden Geschichten zu erzählen, da sie sonst stumm bleiben würden.“

Seine Fotografien, begleitet von einem Essay Michail Gorbatschows und weiteren Texten, die den historischen Kontext in Erinnerung rufen, sind ein dokumentarisches Vermächtnis eines Unglücks, dass sich immer wiederholen kann, wie das Atomunglück in Fukushima gezeigt hat. Es sind postapokalyptische Bilder darunter – etwa jene der verlassenen Stadt Prypjat, aus der die Menschen binnen kürzester Zeit fliehen mussten. Hier verfällt alles, alles wird überwuchert – und dennoch ist der Geist der Bewohner noch anwesend.

Ältere Menschen kehren heute zurück in die Sperrzone. Sie wollen ihre letzten Jahre – trotz der Verseuchung – wieder in der Heimat verbringen. „Der lange Schatten von Tschernobyl“ ist ein Buch der Erinnerung: „Mich treibt die Verpflichtung, im Namen von stummen Opfern zu handeln, um ihnen mit meinen Bildern eine Stimme zu geben. Bei meinem Aufenthalt in Tschernobyl habe ich viele verzweifelte Menschen getroffen, die bereit waren, ihr Leiden öffentlich zu machen – einzig beseelt von der Hoffnung, Tragödien wie jene in Tschernobyl zukünftig zu verhindern“, sagt Gerd Ludwig, der am 20. September mit dem Dr.-Erich-Salomon-Preis 2014 der DGPh ausgezeichnet wird. Die Preisverleihung findet im Rahmen der photokina statt.

Sein jetzt erschienenes Buch steht in der Tradition klassischer, fotojournalistischer Fotografie. Der bis heute vor allem für „National Geographic“ tätige Bildautor will Schicksale erzählen, begreifbar machen, will aufklären – aber er tut das mit einer zum Teil ungewöhnlichen Bildsprache. Vor allem die kräftigen Farben verwundern, die oft surreal anmutenden Bildausschnitte, die ein neues Licht auf ein Ereignis werfen, das uns noch heute erschüttert.

Die Ausstellung läuft bis 1 September im Naturhistorischen Museum in Wien.

29.07.2014
Marc Peschke
DER LANGE SCHATTEN VON TSCHERNOBYL. The Long Shadow of Chernobyl L’ombre de Tchernobyl. Ludwig, Gerd. Hrsg.: Lammerhuber, Lois. 2014. Dtsch;Franz,; Engl. 252 S. 31 x 29 cm. EUR 75,00 CHF 96,60
ISBN 978-3-901753-66-4
 
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